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Als die Tage ihr Licht verloren von Stephanie von Hayek

von Franzi S.
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Linda und Gitte sind Töchter einer liberalen, gut bürgerlichen Familie und genießen ihre Jugend im Berlin der 1930er Jahre. Linda heiratet den sensiblen Erich, die Liebe ihres Lebens. Doch als er aus dem Krieg nicht zurückkehrt, fällt sie in eine tiefe Melancholie. Auch nach Wochen hat sie sich nicht erholt und wird in eine Heilanstalt Zwangs-eingewiesen – gefährlich in einer Zeit nach dem Gnadentoderlass, in dem psychische Krankheiten zum Todesurteil werden können. Stephanie Hayek verwebt in diesem Buch die fiktive Geschichte um die beiden Schwestern mit wahren Fakten und Ereignissen – so sind die vorkommenden Ärzte, der Fahrer eines verhängnisvollen Transportes und die Orte alle real bzw. wahren real.

Deutschland unter Hitler wird nicht zu bändigen sein, murmelte Großvater, sodass nur Edith es hörte. Und plötzlich sah Großvater alt und erschöpft aus.

Als die Tage ihr Licht verloren, S.54, Stephanie von Hayek, Pendo Verlag

Nicht mein Schreibstil aber dennoch eine so wichtige Geschichte

Als die Tage ihr Licht verloren von Stephanie von Hayek hat mich vom Buch her nicht so sehr überzeugt. Der Schreibstil und der Geschichtenaufbau waren leider nicht so richtig mein Fall. Stephanie von Hayek warf mich sehr plötzlich mitten in das Leben der beiden Geschwister und legte dann einfach schnell, hin und herspringend und für mich etwas unstrukturiert los. Keine Hintergrundinfos, keine Zusammenhänge, kein, wer sind die beiden – klar, irgendwann erschließt sich das alles, aber ich fühlte mich so nicht so richtig in der Geschichte aufgenommen und blieb recht distanziert. Was man aber als Pluspunkt anmerken muss – Linda und Gitte befinden sich beide in einer Umbruchphase, auf dem Sprung ins Erwachsensein, wozu der Stil dann irgendwie passte.

Aufgabe der Intelligenten sei es, den Volkskörper vom Abfall zu reinigen, von all dem Unschönen. Wer sollte es sonst tun, Frau Sundström? Dies verstehe er als seine moralische Pflicht, auch die Volksgemeinschaft habe ihre Rechte und die Kranken ein Recht auf den Tod.

Als die Tage ihr Licht verloren, S. 103, Stephanie von Hayek, Pendo Verlag

ABER – dennoch ist dieses Buch ein unfassbar wichtiges, das mir erst beim Nachwort noch mal so richtig eins überzog. Denn, wie neulich schon „Die Vergessenen“ behandelt es den sogenannten Gnadentoderlass aus der Nazizeit. Ein Part der damaligen Geschichte, der zumindest in meiner Schulbildung ziemlich unterging und auch sonst nicht all zu oft in Erinnerung ist. Wann immer Stephanie von Hayek diesen Entstehungsprozess der komplexen Maschinerie dahinter beschreibt und die Art und Weise, wie die Nazis gedacht und gehandelt haben darstellt, was ihr äußerst beeindruckend gelingt, machte das Buch mir Magenschmerzen und bereitet mir eine Gänsehaut vor Entsetzen. Sodass ich, trotz allem, mich konstant beklemmend fühlte und wahnsinnige Angst um Gitte und Linda hatte.

Jetzt schauen Sie sich das mal an, meine Herren. So etwas lebt unter uns […] Pflegearbeit gegen, ja, wogegen? Gegen einen Negativwert, meine Herren […] Unsere Aufgabe ist es, Ihre, meine Herren, zu desinfizieren, Platz zu schaffen. […] Und wenn sie es recht bedenken, für diese Kreaturen ist es eine Erlösung, wir nenne es Gnadentod.

Als die Tage ihr Licht verloren, S. 112, Stephanie von Hayek, Pendo Verlag

Womit mir Stephanie von Hayek jedoch so richtig den Rest gab, ist ihr Nachwort. Denn hier erklärt sie uns, wie sie vorgegangen ist, gibt uns Informationen zu den Details und hier erfahren wir auch (wenn uns die genannten Personen und Orte nicht vorher bekannt sind), dass Orte, Personen und wie das ganze entstand die Wahrheit ist. Keine Fiktion, wie die beiden Geschwister und ihre Familien, sondern genauso passiert, reale Menschen, die diese Gräueltaten genauso umsetzten und wie oben genannt rechtfertigten. Und dann, dann stolpert man im Nachwort plötzlich über einen der liebsten Orte aus der Kindheit, Pirna Sonnenstein. Wie ein Schlag in die Magengegend war dieser Moment. Natürlich hat mir bestimmt irgendjemand bei all den Ausflügen erzählt, das Pirna Sonnenstein auch einmal eine dieser „Heilanstalten“ war, nur habe ich damals vermutlich nicht begriffen, was das bedeutet. Ab sofort werde ich diesen Ort mit anderen Augen sehen, auch wenn er heute längst nicht mehr das ist oder widerspiegelt, werde ich von nun an vermutlich immer an dieses Buch denken – und das ist gut so! Denn auch die Geschichte rund um den „Gnadentoderlass“ darf nicht vergessen werden.

Als die Tage ihr Licht verloren von Stephanie von Hayek (c) Pendo Verlag / Piper

Wie viele kenn ich, die selbst psychische Erkrankungen haben – ich mein, ich selbst hatte Therapiesitzungen, wie viele kenne ich, die chronisch krank sind und damals als „Negativwert“ angesehen worden wären – es macht mich noch immer sprachlos. Gerade in der heutigen Zeit dürfen wir alles, was damals passiert ist, nicht einfach Vergessen, bei so viel brauner Scheiße, die da draußen noch immer ist und wieder lauter wird, müssen wir erinnern und laut sein und uns dagegenstellen!

Fazit – Für Zwischendruch aber Wichtige Lektüre

Als die Tage ihr Licht verloren von Stephanie von Hayek konnte mich vom Schreibstil, dem ganzen Erzähltempo und Geschichtsaufbau nicht ganz überzeugen und würde hier eher in die Kategorie „Für Zwischendurch“ fallen. Doch das Thema, welches das Buch behandelt ist so unfassbar wichtig, sodass ich „Als die Tage ihr Licht verloren“ dennoch das Merkmal „Wichtige Lektüre“ verleihe und ganz klar sagen kann – schaut euch das Buch an, versucht es mit ihm und wenn ihr nur das Nachwort lest, falls ihr in einer Leseprobe merkt, dass der Schreibstil auch nicht ganz euer Fall ist.

Infos zum Buch
Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 1.3.2019
Seiten: 304
Genre: Roman
Format: Hardcover mit Schutzumschlag

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Hallo Franzi,
danke für deine ehrliche Rezension. Das Buch habe ich schon ein paar mal bei den Hörbüchern gesehen aber jedesmal übersprungen
Jetzt werde ich es wohl doch hören. Die Thematik um die Ermordung so vieler Menschen mit psychischen oder physischen Erkrankungen während der Nazidiktatur erschüttert mich immer wieder. Und was mich so wütend macht ist die Tatsache das all die Ärzte und Schwestern hinterher einfach ins normale Leben zurückkehrten ohne Repressalien zu befürchten. Die Opfer aber total vergessen wurden. Da hatte die Justiz komplett versagt.
Liebe Grüße
Kerstin

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