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Archipel von Inger Maria-Mahlke

von Franzi S.
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Werbung/Rezensionsexemplar

Am 9 Juli 2015 beginnt unsere Reise, es ist ein 29 Grad warmer Sommertag, mit klarem, wolkenlosen Himmel. Rosa, die in Madrid ihr Glück bei einem Kunststudium versuchte, kehrt nach Hause zurück. Auf die Insel und in das heruntergewirtschaftete Haus der ehemals einflussreichen Familie Bernadotte. Sie kommt zurück, auf der Suche nach etwas, das sie selbst nicht greifen kann. Doch vielleicht findet sie es ja im Asilo, dem Altenheim von La Laguna, so scheint es zumindest.

Hier treffen wir auch auf Julio. Der war einst Kurier im Bürgerkrieg, war Gefangener von Faschisten, floh und kam doch wieder zurück auf diese Insel. Heute, mit über neunzig Jahren, ist er der Pförtner des Asilos und hütet damit die letzte Lebenspforte der Alten von Teneriffa. Und er ist Rosas Großvater mütterlicherseits und kennt Privilegien nur als die der anderen.

Rückwärts durch ein Jahrhundert Teneriffa

Mit diesen beiden und der nahen und entfernteren Familie und Verwandtschaft, so wie einigen weiteren Charakteren, gehen wir rückwärts durch ein ganzes Jahrhundert. Ein Jahrhundert, das Julio gehörte, den Baute und Bernadottes, den Moores und González. Ein Jahrhundert, das geprägt ist von Familiengeschichten, Zwisten, Willkür und Zufällen.d

Zunächst lernt man, mit der Rückkehr von Rosa, deren Familie Bernadotte kennen. Dazu gehört neben ihr noch Anna, ihre Mutter, die 50 Jahre alt ist und Politikerin auf Seiten der Konservativen. Und ihr Vater, Annas Mann, Felipe. Er stammt von einer früher im Jahrhundert hoch angesehenen Familie der Insel ab. Früher war er einmal Professor, doch schon längst ist er wohl ähnlich auf der Suche wie auch seine Tochter, sitzt in seiner Freizeit überwiegend im Clubhaus und spricht dem Alkohol zu sehr zu. Während seine Frau um ihre Stellung kämpft, da sie in einen Abhörskandal verwickelt ist.

Diese Familie kann man wohl als die Kernfamilie und den Ausgangspunkt der ganzen Geschichte bezeichnen. Denn von hieraus entfaltet sich der weit verzwickte, vielschichtige Roman rückwärts bis ins Jahr 1919. Dort erleben wir die Charaktere und deren Familie und Verwandte, die zu Rosas Zeiten zum Großteil schon gar nicht mehr Leben, ohne große Erklärungen zu Zusammenhängen mit heutigen Geschehnissen. Sondern wie eine Art geschichtliche und kulturelle Entwicklung der ganzen Insel. Eine Geschichte, die uns nicht nur die Gesellschaft und das Leben auf den Kanarischen Inseln, insbesondere Teneriffa, näherbringt, sondern auch Bezug auf die Geschichte Europas nimmt.

Archipel von Inger-Maria Mahlke (c) Rowohlt Verlag

Atmosphärisch, politisch, schwer zu folgen

Inger-Maria Mahlkes Schreibstil ist eingehend und atmosphärisch. Sie schafft es, mich direkt auf diese sommerliche warme Insel zu versetzen und mich mit in die damalige Zeit zunehmen. Dennoch fiel es mir besonders zu Beginn schwer, der Geschichte zu folgen und alles zu verstehen. Was tatsächlich schon dieser einzigartigen Art und Weise, das Buch komplett chronologisch rückwärts zu erzählen, geschuldet ist. Hier brauchte ich zunächst eine Aufwärmphase, bis ich damit wirklich klar kam.

Doch genau das macht das Buch auch zu etwas Besonderem, dass mir auf jeden Fall in Erinnerung bleiben wird. Es ist nur einfach keine leichte Lektüre, sondern ein vollgepackter, vielschichtiger Familienroman, der dennoch durch eine fast schon künstlerische Sprache besticht.

Das Buch hatte mich immer wieder hin- und hergerissen zwischen totaler Begeisterung und totaler Verwirrung. Denn Mahlke geht einfach nur rückwärts, konzentriert sich auf Alltagsszenen und Familiengeschehnisse, auf einzelnen Personen und deren Lebensweg, aber schlägt keine Brücken oder Verbindungen, wie alles zusammengehört. Das muss ich mir als Leser dann schon selbst zusammenbauen und definitiv etwas Konzentration aufbringen, um nicht vollkommen aus dem Konzept zu kommen. Hier half mir das vorangestellte Personenregister aber mehrfach aus und ich lese tatsächlich immer wieder gerne Roman, die mich auch beanspruchen und zum Mitdenken anspornen.

Was mich vor allem vom Buch überzeugte, war diese authentische Erzählung, die sich anfühlte, als würden wir echten Personen rückwärts durch dieses Jahrhundert folgen. Was vor allem auch durch die politischen und geschichtlichen Verstrickungen, die immer wieder auftauchen und an reale Begebenheiten angelehnt sind, funktioniert.

Dabei spielt Julio eine vertraute, mir lieb gewordene Konstante, denn die Geschichte hört auf, oder beginnt, wie mans nimmt, mit seiner Geburt. Das war aber tatsächlich fast schon der einzige Charakter, mit dem ich irgendwie Bezug herstellen konnte. Einfach weil alle anderen eher kürzere Gastauftritte haben und entweder nicht mehr oder noch nicht Leben.

Fazit zu Archipel

Weitere Rezensionen:

Die Autorin:

Inger-Maria Mahlke wuchs in Lübeck und auf Teneriffa auf. Sie studierte Rechtswissenschaften in Berlin. Dort arbeitete sie zudem am Lehrstuhl für Kriminologie. 2009 gewann sie den Berliner Open Mike. Ein Jahr später wurde ihr Debütroman „Silberfischchen“ mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet. Für einen Auszug aus einem weiteren Roman bekam sie beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis den Ernst-Willner-Preis zugesprochen. Im Jahr 2014 erhielt sie zudem den Karl-Arnold-Preis der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Archipel ist der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2018.

Infos zum Buch

Verlag: Rowohlt

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 432

Genre: Roman

Format: Gebunden mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-498-04224-0

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