Das Paar aus Haus Nummer von von Felicity Everett (c) Harper Collins
Rezensionsexemplar

Felicity Everett erzählt in ihrem Roman von Sara und Neil. Seit fast 10 Jahren wohnen sie in ihrer Vorstadtidylle in London. Beide sind eigentlich glücklich mit ihrem Leben. Sara höchsten etwas unzufrieden mit ihrem Job als Texterin. Sie haben zwei Kinder, sind glücklich verheiratet, haben ein schönes Haus in einer soliden und hilfsbereite Nachbarschaft. Eines Tages ziehen in das renovierungsbedürftige Haus Nummer 9 zwei Künstler, Gavin und Louise, mit ihren drei Kindern ein. Die beiden Paare verbringen ab dem ersten Tag viel Zeit miteinander und aus erster Sympathie wird nach und nach eine mehr oder weniger enge Freundschaft. Schon bald bekommt Sara Zweifel: Ist ihr Leben nicht irgendwie brav und spießig? Denn die neuen Nachbarn sind weltgewandte Künstler. Auf den ersten Blick wirkt ihr Leben auf Sara und viele andere einfach einzigartig und geheimnisvoll. Sara steigt immer tiefer mit in diese Welt ein, die Zweifel werden immer größer und auch die Versuchung, dass eigene Leben hinzuwerfen. Doch wie sich bald schon zeigt, hat jede Veränderung auch ihren Preis.

Der Plot klingt viel versprechen, ich erwartete die ganze Lektüre über einen mysteriösen, spannenden Plottwist. Das hielt mich am Ball und ließ mich das Buch an nur einem Tag verschlingen. Doch leider blieb eben dieser meiner Meinung nach aus. Wir haben hier eher einen mehr oder weniger sanft dahinplätschernden Gesellschaftsroman über die Vorstadt-Mittelschicht. Haus, Kinder, gute Jobs und eigentlich läuft doch alles ganz toll. Bis man eben sieht, was es noch für andere Lebensstile gibt. Wir lernen zunächst Sara und ihren Mann Neil und Lou und Gavin näher kennen und erfahren etwas zu ihrem Leben, ihren Jobs und den Hintergründen. Schon bald merken wir, das Sara von Selbstzweifeln geplagt ist und sich stets und ständig mit anderen vergleicht. Waren es vorher die anderen „Spießer“, ist es nun die exotisch wirkende Lou. Umso mehr freut sie sich, als sie schon ab dem ersten Tag ein Band zwischen ihr und Lou spürt. Oder vielmehr, Lou ausgerechnet sie auf einen Kaffee trifft und ihr ihr Herz ausschüttet. Und auch Neil versteht sich prächtig mit Lou und Gavin. Kinder, tägliche Wege zur Schule sind ihnen gemein und wir erleben, wie sich langsam eine Freundschaft zwischen den Paaren entwickelt. Doch eine, die vor allem für Sara eher toxisch ist. Sie vergleicht sich immer mehr mit Lou, mit ihrem Leben. Denkt, dass bei ihnen einfach alles perfekt ist. Zweifelt immer mehr an dem, was sie tut und erreicht hat und was sie vom Leben möchte. Und wir erleben, was für Folgen es haben kann, wenn man zu sehr auf andere schaut, zu schnell, zu blind anderen vertraut, ohne zu wissen, wie es hinter der Fassade nun wirklich ist.

Und, ja, das war dann tatsächlich auch schon alles. Mit recht einfachen, einnehmenden Schreibstil nimmt uns Everett eher mit auf eine langsame Entwicklungsgeschichte einer Freundschaft und Nachbarschaftsbeziehungen. Zeigt die „Probleme“ der Mittelschicht eines Londoner Vorortes aus, typische Familienprobleme, geheime Träume und Wünsche und was passiert, wenn plötzlich jemand aus der Reihe tanzt. Wundervolle exotisch sind Lou und Gavin aber überhaupt nicht. Sara findet das verwahrloste Haus „retro“ und „künstlerisch“. Den Erziehungsstil frei und ohne viele Tabus. Dass es aber einfach nur Vernachlässigung ist, wenn die dreijährige ohne Wissen der Eltern auf der Straße rennt, merkt sie kaum. Denn sie ist quasi von einer rosaroten Brille geblendet. Egal wie der Anschein auch sein mag, niemand ist perfekt und nur weil alles wundervoll, perfekt und glücklich wirkt, heißt es nicht, dass dem so ist oder jemand anderes deshalb ein besseres Leben führt. Ein Roman der zeigt, dass man nicht immer nur blind auf die Fassade schauen sollte. Und das es nicht gut ist, wenn man sich immer nur mit anderen vergleicht, statt dass zu schätzen, was man hat und schon erreicht hat. Aber gleichzeitig zeigt es auch, dass es sich dennoch auch lohnen kann, seine Träume anzugehen und nicht in der Schublade versauern zu lassen.

Das war es auch, was mich das Buch weiterlesen lassen hat, weil ich solche Art Bücher schon mag. Allerdings blieb „Das Paar aus Haus Nr. 9“ doch insgesamt eher blass. Es versprach einfach, alleine aufgrund der Inhaltsangabe mehr, als ich als Leser dann bekam – einen mysteriösen, spannenden Plottwist, den es am Ende nicht gab. Richtig sympathisch waren mir beide Paare nicht und auch stellte ich mich kaum auf eine Seite. Beide Familien haben ihr Schwächen und ihre guten Seiten. Ich fühlte mich als eine Art Zaungast, der in die erhellten Wohnzimmer beider Familien spät. Was sogar ganz interessant war. Zwar geht die Entstehung und Entwicklung der Freundschaft recht tief, die Charaktere selbst hatten für mich aber wenig Tiefe. Eher waren noch Lou und Gavin gelungen, die zumindest etwas Verschrobenes hatten. Lou ging mir aber mit ihrem egoistischen Getue auf den Keks. Ebenso Sara mit ihrem ständigen Zwang nach Anerkennung.

Insgesamt hat Felicity Everett ein Buch geschaffen, das O. K. ist und eine gute Grundidee mit angenehmen Schreibstil hatte, aber mich nicht vom Hocker hauen konnte. Wer aber weiß auf was er sich einlässt und sanft dahinplätschernde Entwicklungsgeschichten mag, der könnte an dem Buch gefallen finden.

Anzeige - Infos zum Buch

Verlag: Harper Collins

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 246 (mein epub)

Genre: Roman, Belletristik

Format: ebook

ISBN: 9783959672122

Preis: 9,99 €

Buchcover (c) HarperCollins

*Das Buch wurde mir von NetGalley und HarperCollins als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

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Autorin:

Felicity Everett ist in Manchester aufgewachsen. Nachdem sie erfolgreich zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht hat, widmete sie sich dem Schreiben von Romanen. DAS PAAR AUS HAUS NR. 9 ist ihr zweiter Roman. Die Autorin lebt in Gloucestershire.