Der Geruch des Paradieses von Elif Shafak (c) Kein und Aber Verlag

In “Der Geruch des Paradieses” treffen wir auf Peri. Sie ist eine Frau in den besten Jahren, ist verheiratet, hat drei Kinder und verkehrt in sehr guten Kreisen. Wir lernen sie an einem Tag im Sommer 2016 mitten im Istanbuler Verkehr kennen. Gemeinsam ist sie mit ihrer Tochter, die gerade voll mit der Pubertät anfängt, zu einer Dinnerparty unterwegs. Auf dem Weg werden sie überfallen und ihrer Handtasche geklaut. Aus dieser fällt ein längst in Vergessenheit geratenes Foto. Eines, dass alle verdrängten Erinnerungen an einen Skandal, der ihr Leben veränderte, hervorholt. Erinnerungen an ihre Studienzeit in Oxford, als der Zwiespalt zwischen modernem und traditionellem Glaube, Liebe und Gott Peri fast zu zerreißen drohte.

Es gibt eine Regel, die ich stets befolge und auch dir ans Herz legen will. Glaub nichts, was du nicht mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört, mit eigenen Händen berührt und mit deinem eigenen Verstand erfasst hast. (S. 60)

Peri im Jahr 2016, auf dem Weg zur und während der Dinnerparty, das ist unser erster Erzählstrang. Das Foto löst Strang zwei aus und nimmt uns mit in Peris Leben von der Kindheit an. Sie erinnert sich und wir erleben mit ihr wichtige, einschneidende Erlebnisse aus früheren Jahren. Vom alkoholabhängigen Vater, der den Glauben eher modern und locker interpretiert. Bis zur extrem religiösen und traditionellen Mutter. Wir lernen ihre Brüder kennen, die gegensätzlicher nicht sein könnten und fliegen schließlich gemeinsam mit Peri nach Oxford, wo Professor Azur eine tragende Rolle für Peri spielt. Ebenso wie Mona und Shirin, zwei Freundinnen aus dem Studium, die ebenfalls in zwei vollkommen anderen Welt leben.

Elif Shafak schaffte es, beide Stränge gekonnt zu verbinden. Währen Peri auf der Dinnerparty ist lernen wir sie im heute kennen. Währen sie ihr Leben Revue passieren lässt, lernen wir, wie sie zu der wurde, die sie heute ist. Welche Erlebnisse sie prägten und welche Zerrissenheit jahrelang und auch heute noch teilweise in ihr herrschte. Was ist das richtige Leben für sie? Stark religiös wie ihre Mutter? Gibt es denn überhaupt einen Gott und welchen und wie ist er? Oder doch eher moderner interpretiert wie ihr Vater oder Shirin? Westen oder die östliche Welt? Wo gehört sie hin und zu wem? All diese Frage brodeln in Peri ihr Leben lang. Ein Zwiespalt, der sie sichtlich mitnimmt. Beim Versuch antworten zu finden und das für sich richtige Leben aufzubauen, werden Peris Zweifel allerdings immer größer.

Der Geruch des Paradieses von Elif Shafak (c) Kein und Aber

Der Geruch des Paradieses von Elif Shafak (c) Kein und Aber

Gemeinsam mit Peri begeben wir uns auf die Suche nach der eigenen Identität, grübeln über Fragen der Religion nach. Eine Geschichte über die Suche nach sich selbst und nach die Frage was der passende Lebensweg ist – Religion oder Säkularität. Oder gibt es gar einen dritten Weg? Peri verkörpert in diesem Buch die Zerrissenheit, auf gewisse Weise die Mitte. Erst im Elternhaus, dann in Oxford. Was irgendwie passend ist, wo doch auch die Türkei von einer Art Zerrissenheit geprägt ist. Auf der einen Seite der moderne, lockerere europäische Einfluss, auf der andere Seite die Bedrohung durch Islamisten. Wir erleben den sozialen Druck, unter dem Peri und gewiss auch viele andere, die sind wie sie, stehen.

Elif Shafak hat mit “Der Geruch des Paradieses” einen Roman über Freundschaft, Politik und Religion geschaffen. Eine Geschichte, die sie bild- und wortgewaltig erzählt und aus der Sie uns mit einem offenen Ende entlässt. Ein Roman, der unter die Haut geht und einem selbst sehr zum Grübeln bringt. Der einen mitnimmt, mitfiebern lässt und einem auch einiges lehrt. Elif Shafak versucht in diesem Roman und durch diese vielschichtige, authentische Protagonistin mit Vorurteilen aufzuräumen, sture Bilder, die einige im Kopf haben, zu lockern und sie hinterfragen zu lassen. Dabei zieht sie uns mit atmosphärischem Erzählstil direkt in das stickige, Istanbul voller süßer, schwerer Gerüche, aber auch in das so gegensätzliche, kühle, nach Harz riechende Oxford und hielt mich durchgehend in der Geschichte gefangen.

Infos zum Buch

Erscheinungsjahr: Juni 2016

Verlag: Kein und Aber

Seiten: 560

Sprache: Deutsch

Genre: Roman

Format: Hardcover

Übersetzung: Michaela Grabinger

ISBN: 978-3-0369-5752-4

Preis: [D] 25,00 €

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Autorin:

Elif Shafak wurde in Straßburg geboren. Sie gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinen in der Türkei. Sie ist preisgekrönt und verfasste bereits dreizehn Bücher. Darunter unter anderem: “Die vierzig Geheimnisse der Lieb” (2013), “Ehre” (2014) und “Der Architekt des Sultans” (2015). Sie schreibt auf türkisch und englisch. In der Türkei sind ihrer Werke teilweise heftig umstritten. Sie sind in über 30 Ländern erschienen. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in London und Istanbul.

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