Rezensionsexemplar/Werbung

*Das Buch wurde mir über das Bloggerportal vom Knaus Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene, persönliche Meinung wider.

Der Neue von Tracy Chevalier entstand im Rahmen des Hogarth Projektes. Dabei handelt es sich um das Shakespeare-Projekt aus dem Hause Hogarth. In Deutschland verlegt die Bücher der Knaus Verlag. Dabei sollen die alten Klassiker neu erlebt werden: In neuer Auflage, neuem, frischen Design und verpackt in modernen Geschichten. Insgesamt werden bzw. wurden 8 von Shakespeares Werken von bekannten Autoren neu interpretiert. Der Neue von Tracy Chevalier ist eines davon und die Neufassung von Shakespeares Othello.

Wie gut und nah Chevalier an Othello herankommt, kann ich für euch leider nicht beurteilen. Schande über mein Haupt, aber dieses Werk von Shakespeare kenne ich noch nicht. Was ich bisher so mitbekommen habe, scheint es aber sehr nah am Original zu sein, wenn auch quasi verdünnter. Die Idee hinter Othello bringt Chevalier auf einen Middleschool-Schulhof in Washington DC im Jahre 1974. Die Rassentrennung ist noch nicht allzu lange aufgehoben, gemischte Schulen und Klassen noch immer eher selten. Und so erregt Osei, auch O genannt, an seinem ersten Tag dort großes Aufsehen. Er kommt aus Afrika und ist Sohn eines Diplomaten. In den letzten sechs Jahren hat er mehrfach die Schule gewechselt und lebte an den unterschiedlichsten Orten dieser Welt. Er weiß also, was es heißt, den ersten Schultag an einer neuen Schule meistern zu müssen.

Rückseite - Der Neue (Othello) von Tracy Chavalier aus dem Knaus Verlag

Rückseite – Der Neue (Othello) von Tracy Chavalier aus dem Knaus Verlag

Er hat sich einige Strategien angeeignet und wird so innerhalb eines Tages schnell zum Mittelpunkt. Für Dee, die das beliebteste Mädchen an der Schule ist, die sich auf Bitte von Mr Brabant hin um ihn kümmern soll und direkt in ihn verliebt. Damals war das noch so, fünf Minuten kennen und die „Willst du mit mir gehen“-Frage fiel. Oft nur, bis der Tag vorbei ist. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, Osei bringt die Dynamik im jahrelang eingespielten Schulhofsystem vollkommen durcheinander. Ja er schafft es sogar auch, sich mit dem beliebtesten Schüler gut zu tun. Und da sieht Ian, ein rachsüchtiger Junge, der Bulli, vor dem alle Angst haben, rot. Denn er kann und will nicht akzeptieren, dass ihm jemand die Show stiehlt und er wittert außerdem die Chance, Casper, dem beliebtesten Jungen, und Dee endlich noch kurz vor Ende der Middleschool-Zeit eines reinzuwürgen. Die beiden hatte er bisher nicht ihre Lektion erteilen können. Ebenfalls wichtige Charaktere im Laufe der Handlung sind Blanca, die hübscheste des Schulhofes und Freundin von Casper sowie Mimi, die beste Freundin von Dee, die als einzige weiß, was für Intrigen Ian schmiedet.

Und so entspannt sich dieser erste Tag von Osei an der neuen Schule. Die Geschichte ist dabei nur über diesen einen Schultag hin verteilt und damit sehr dicht. Hier gibt es keinen Platz für unnötige Nebenstränge, viel Hintergrundwissen oder Figurenentwicklung. Nur über Osei erfahren wir etwas mehr, der auch die wichtigste Person, „Der Neue“, ist. Ein paar Infos gibt es zu seiner Familie und vor allem zu seiner größeren Schwester, die der Black-Panther-Bewegung angehört. Chevalier schafft es, viele Themen in dieses schmale, beeindruckende und flüssig-leicht zu lesende Buch zu packen. Liebe, Intrigen, Freundschaft, Verrat und latenter Rassismus geben sich hier die Klinke in die Hand. Bedenkt man, dass wir hier elfjährige vor uns haben, mutet das Ganze Intrigen-Gespinst etwas unglaubwürdig an, da wir auch keinerlei Informationen über Ian haben. Woher kommt die Gier nach Rache und Intrigen? Das wäre noch wünschenswert gewesen, auch wenn es die Geschichte dadurch etwas verlängert hätte.

Dennoch erschafft Tracy Chevalier eine schnelle, frische und modern angehauchte Geschichte. Die auf der einen Seite leicht und locker zu lesen war, durch das Setting auf dem Schulhof, in denen Seilspringen und Kickballspielen an der Tagesordnung sind. Auf der anderen Seite aber die schwierige Stellung Oseis unverblümt und klar aufzeigt. Denn er ist eben nicht nur der Neue, sondern kommt mitten an eine Schule, die bisher nur von weißen Schülern und Schülerrinnen besucht wird. Trotz des knappen Zeitraums, in dem „Der Neue“ spielt, bringt Chevalier viele latente Rassismen mit ein, denen O Tag für Tag ausgesetz ist und die mir kalte Schauer über den Rücken laufen lassen. Viele der Kinder bekamen es so von den Eltern vorgelebt und auch die Lehrer gehen nicht mit gutem Beispiel voran, vor allem der verbohrte Mr Brabant, der in Osei einen dümmlichen, potenziell gefährlichen Jungen sieht. Ein Urteil, bevor er ihn kennt und das im krassen Gegensatz zu dem steht, was Osei ausmacht, der lebensfroh, liebenswert, klug und sportlich ist. Doch der Tag stellt ihn auf eine harte Probe. Wo er zur ersten Stunde in Gedanken noch nicht verstehen kann, wie seine Schwester so radikal werden konnte, kann er nach der letzten Stunde plötzlich doch mehr und mehr verstehen.

Ein sensibles und wichtiges Thema, dass wie ich finde, immer wieder Aufmerksamkeit bekommen muss. So vielen ist nicht klar, mit welchen Sprüchen und Fragen sie eben doch, wenn auch oft unbewusst, rassistisch sind. Dieser Alltagsrassismus bzw. latenter Rassismus, vor dem viele die Augen verschließen und der vielen so nicht bewusst ist, wird durch Tracy Chevalier sehr gut aufbereitet. Ein sehr empfehlenswertes Buch, dass mich beeindruckte, auch wenn ich das Original nicht kenne.

Infos zum Buch

Verlag: Knaus

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 200

Genre: Roman

Format: Hardcover mit Schutzumschlag

Originaltitel: New Boy

Originalverlag: Hogarth

Übersetzung: Sabine Schwenk

ISBN: 978-3-8135-0671-6

Preis: [D] 18,00 €; [AT] 18,50 €

Weitere Rezensionen:

Kill Monotony

Herzpotenzial

Literaturreich

Frau Lehman liest

Papier und Tintenwelten

Autorin:

Tracy Chevalier wurde 1962 geboren. Sie wuchs in einem multikulturellen Viertel in Washington DC auf. Dort besuchte sie eine Schule mit überwiegend farbigen Kindern. Diese Erfahrung inspirierte sie zur Neuerzählung von Othello. „Das Stück kreist um die Frage, was es bedeutet, Außenseiter zu sein. Dieses Gefühl kennen wir alle. Jeder von uns hat schon mal am Rand einer Gruppe gestanden und sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich dazuzugehören.“