Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón (c) Suhrkamp

Ich erinnere mich noch genau an den Morgen, an dem mich mein Vater zum ersten Mal zum Friedhof der vergessenen Bücher mitnahm. (S. 7)

Schon mit dem ersten Satz ist man in diesem Buch gefangen. In dieser oft düsteren, nebeligen, kalten Novemberatmosphäre, in der wir Daniel und seinen Vater kennenlernen. Daniel ist gerade etwa zehn, als er von seinem Vater zu einem geheimnisvollen Ort in Barcelona gebracht wird – dem Friedhof der Vergessenen Bücher. Dort entdeckt er einen Roman – nein vielmehr entdeckt das Buch ihn – des verschollenen Autors Carax, namens „Der Schatten des Windes“. Von nun an, wird sich das Leben von Daniel komplett verändern.

Zafòn verzauberte mich von Beginn an. Das Buch beginnt voller Magie, voller Magie der Bücher. Es nimmt uns mit in die Welt der Bibliophilen, eine Welt, in der das Leben anderer vom geschriebenen Wort für immer geprägt ist. Von Menschen, die Bücher über alles lieben. Jeder Satz sprühte voller Hingebung an die Literatur. Zwar wechselt der Schwerpunkt bald hin zu Daniels Leben. Doch durch die Suche nach Carax, klingt diese Liebe immer wieder nach.

Aber es ist genau diese Gefühl, dieser Funke des ersten Mals, den man nicht vergißt. Wir leben in einer Schattenwelt, Daniel, und Magie ist ein rares Gut. Dieser Roman hat mich gelehrt, daß ich durch Lesen mehr und intensiver leben, daß Lesen mir das verlorene Sehen wiedergeben konnte. Alleine deshalbt hat dieses Buch, das keinem etwas bedeutete, mein Leben verändert. (S. 35)

Daniel war mir auf Anhieb sympathisch, ebenso wie sein Vater, die beide sehr liebevoll miteinander umgehen. Wir sind hautnah dabei, während er mehr über Carax herausfindet und dabei erwachsen wird, den Stolpersteinen des Lebens begegnet und bei seiner ersten und zweiten großen Liebe. Und wir sind dabei, als er immer tiefer in die verwirrende Vergangenheit von Carax eintaucht und sich selbst immer mehr in der Sache verstrickt. Wenn sein Leben immer mehr der Geschichte aus seinem Buch „Der Schatten des Windes“ gleicht.

Zafón schreibt wortgewaltig, malerisch, poetisch, kraft- und stimmungsvoll. Er erschafft eine bedrückende, zauberhafte, aufgeladene Atmosphäre, die mich von Beginn an packte. Von der Liebe zum Buch landen wir in Daniels Leben und werden mit vielen Charakteren, die alle wundervoll ausgearbeitet sind, bekannt gemacht. Ein wahrer Schmöker, der einen lange beschäftigt, mit vielen Details, Verwirrungen und Verwebungen am Ball hält und gegen Ende die Spannung noch einmal richtig ansteigen lässt, trotz der kleinen Vorwegnahmen, die Zafón hier und da einbaut. Ich blieb lange im dunklen, suchte und litt mit Daniel und seinen Liebsten, deren Leben gespickt ist mit Liebe, Hass, Freundschaft, Familie, Rache, Einsamkeit, Angst und allem was das Leben eben so zu bieten hat.

Zafón hat mehr als nur einen Roman geschrieben, er hat mir ein Herzensbuch geschrieben, das gleichzeitig ein Hauch Spannungsliteratur, Entwicklungsroman und historischer Roman ist, dass mich mehr über Barcelona und den Bürgerkrieg wissen lassen will. Ein Buch, das mich verzauberte, noch lange nachklingen wird und gleichzeitig zum Lernen anregt. Wortgewaltig, spannend, atmosphärisch, bibliophil und genau das richtige für Leser, die gerne länger und vollkommen in detailreichen Romanen abtauchen.

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Infos zum Buch

Autor: Carlos Ruiz Zafón
Erscheinungsjahr: 2005
Verlag: Suhrkamp (dort gibt es das Buch aber nicht mehr, jetzt zu finden bei Fischer)
Seiten: 563
Format: Taschenbuch
ISBN: 3-518-45800-0 (meine Ausgabe) 978-3-596-19615-9 (Fischer Ausgabe)
Preis: [D] 10,99 €; [AT] 11,30 €

Autor:

Carlos Ruiz Zafón wurde im Jahr 1964 in Barcelona geboren. Dort besuchte er die Jesuitenschule Sarrià. Später war er beruflich in einer Werbeagentur tätig. Als er 29 Jahre alt war, erhielt der für seinen ersten Roman „El Principe de la nibble“ (Der Fürst des Nebels) einen Jugendliteraturpreis. Mit „Der Schatten des Windes“ (La sombra del viento) schaffte er es an die Spitze der Bestseller-Liste. Seit 1994 lebt er in Los Angeles. Dort arbeitet er als Drehbuchautor und schreibt für die spanischen Tageszeitungen El Pads und La Vanguardia.