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Die letzten Tage des Patriarchats von Margarete Stokowski

von Franzi S.
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Erst vor Kurzem habe ich „Untenrum frei“ gelesen und rezensiert, zeitgleich lag auch schon Margarete Stokowskis neues Buch hier – Die letzten Tage des Patriarchats. Hier finden wir eine Sammlung ihrer Kolumnen seit 2011 – von den ersten Schritten bis zu den neuesten und alle nach wie vor äußerst relevant und wichtig. Wo sich die aktuelle, zum Beispiel politische Lage geändert hat, hat sie Fußnoten und Kommentare integriert. Außerdem finden wir zu einigen ausgewählte Leserstimmen bzw. „nette“ Kommentare zur Kolumne. In diesen Kolumnen geht es um die Frage, ob es den Feminismus überhaupt noch braucht oder ob die Revolution bereits geschafft ist – da gibt es ein ganz klares Nein in zahlreichen Kolumnen von Margarete Stokowski mit absoluten wahren aber für viele so selbstverständliche Situationen und Beschreibungen.

Wir halten es für eine verdammte Selbstverständlichkeit, dass eine Frau in der Dämmerung nicht mehr im Wald joggen gehen sollte. Eine Frau. Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen. Vielen Männer ist gar nicht klar, wie sehr Frauen die Angst und den Schutz vor Gewalt in ihren Alltag integrieren. Wie sehr wir ein Klima von Bedrohung für normal halten. Wie oft wir ein Taxi nehmen, um nach Hause zu kommen – nicht aus Bequemlichkeit, sondern um sicher nach Hause zu kommen. Wenn wir das Geld haben.

Die letzten Tage des Patriarchats, Männer, Margarete Stokowski, S. 112

Die Sammlung ist ein hochaktueller, hin und wieder amüsanter aber gleichzeitig erschreckender Weckruf dazu, wie viel noch immer getan werden muss, wo noch immer die großen Baustellen und Ungleichheiten lauern. Sie analysiert Themen wie Macht, Sex und Körper, die #metoo-Bewegung und Rechtspopulismus – ein ganzes Stück Hau-drauf-Meinung und Analyse und wie der Klappentext so schön sagt – ein Stück Zeitgeschichte in Kurzform. Denn natürlich kratzen manche Texte nur an der Oberfläche, denn es sind schließlich Kolumnen und das ist ja ein Merkmal, dass mit ihnen einhergeht. Aber eines haben sie alle gemeinsam – sie regen zum Nachdenken an, bestätigen im Denkmuster oder schütten ein bisschen Säure in die Wunder und rütteln dich wach: Denn, es gibt einfach noch so viele Stellen, an denen es lohnt zu kämpfen und an denen es ein MUSS ist, etwas zu tun und nicht zu denken – ach komm, läuft doch alles. Nur weil jetzt jeder für 5 Euro mit „Feminism“, „Female is the Future“ und Co herumlaufen kann, sind wir noch lange nicht am Ziel und haben da sogar ein ziemliches Problem:

Und wenn ein Konzern wie H&M <<Girl Power>> auf Kleidung drucken lässt, dann ist das ein gigantisches Problem, weil der Erfolg von H&M unter anderem darauf beruht, die Arbeitskraft von Frauen hemmungslos auszubeuten. <<Feminism>>-Shirts, die zu einem Stundenlohn von 17 Cent genäht sind, von Arbeiter*innen, die keine Kranken- oder Sozialversicherung und keine Vereinigung haben, sind so sinnlos und zynisch wie in Zwangsarbeit genähte Flaggen, auf denen <<Freiheit>> steht.

Die letzten Tage des Patriarchats, Bekloppte Zustände, Margarete Stokowski, S. 85

Zwar konnte sie mich bereits mit „Untenrum frei“ vollkommen überzeugen. Doch schafft Margarete Stokowski es mit „Die letzten Tage des Patriarchats“ noch mal eine Schippe draufzulegen – es ist so aktuell und behandelt neben der sehr jungen #metoo-Bewegung auch das Abtreibungsverbot, erklärt nebenbei warum nicht alles Anarchie ist, von dem die Leute denken, dass es das schon ist und zeigt mal wieder das teilweise wahnsinnig verquere Frauenbild einiger Medien und Journalisten auf. Nebenbei kommentiert sie sogar noch ihre eigene Entwicklung, die man mit verfolgen kann und das mit einer ordentlichen Prise Humor und spiegelt die gesellschaftliche und politische Debatte von 2011 bis 2018 in ihren Texten und auch den Anmerkungen dazu wider. Absolute Leseempfehlung von mir!

Es gibt eine einzige feministische Flirtregel, die man sich im Übrigen sehr leicht merken kann und die lautet: Sei kein Arschlock. Fertig. That’s it. Unisex übrigens. One size fits all. So praktisch. Der Rest ist ein bisschen gesunder Menschenverstand, Anarchie und Liebe, und das ist genau so schön, wie es klingt.

Die letzten Tage des Patriarchats, Margarete Stokowski, S. 33

Weitere Rezensionen:

Infos zum Buch

Autorin: Margarete Stokowski

Jahr: 2018

Seiten: 320

Verlag: Rowohlt

Format: Hardcover

ISBN: 978-3-498-06363-4

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Hallo Franzi,
Ich möchte das Buch unbedingt im Februar lesen. Ihr erstes Buch hab ich noch nicht gelesen, aber sehr weit oben auf der Wunschliste.
Viele Grüße
Chrissi

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