Vor zwei Tagen war es so weit – die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 wurde veröffentlicht. 20 Titel stehen zur Auswahl, sechs davon wählt die Jury auf die Shortlist, die am 12. September veröffentlicht wird. Am 9. Oktober findet dann die Preisverleihung statt. Auch ich habe mir die Longlist-Titel angesehen und quasi meine Shortlist für euch zusammengestellt – 6 Bücher, die ich gerne lesen möchte.

Romeo oder Julia – Gerhard Falkner

(Rechte am Buchcover liegen beim Piper Verlag)

Romeo oder Julia von Gerhard Falkner (c) Piper Verlag

Auf einem Schriftsteller Treffen in Innsbruck widerfährt Kurt Prinzhorn Eigenartiges – während seiner Abwesenheit muss jemand ein ausgiebiges Schaumbad in der Wanne seines Hotelzimmer genommen haben. Derjenige hinterlies ganz bewusst Spuren für ihn. Doch die Chipkartenschließanlage der Tür zeigt keinerlei fremdes Eindringen an. Danach verschwindet einfach der Schlüsselbund. Der Autor wird immer ratloser. Nur wenige Tage später macht er sich auf zu seiner Reise nach Moskau. Und auch hier brechen die ungewöhnlichen Ereignisse nicht ab, ebenso wie kurze Zeit später in Madrid. Hier begegnet Prinzhorn einer früheren Geliebten. Durch Zufall setzt sich das Puzzle seiner Erinnerungen endlich zu einem Bild zusammen. Eines, dass in weit zurück in die Vergangenheit versetzt. Und dann, am nächsten Morgen, steht plötzlich die Polizei vor seiner Tür in Berlin. Unter dem Fenster vor seinem Zimmer in Madrid wurde ein tote Frau gefunden…

Ich finde, das Buch klingt sehr mysteriös – Spannung und Geheimnisvolles, gepaart mit Ausflügen nach Madrid, Moskau und Innsbruck – eine Mischung, die mir gut gefallen könnte.

Das Floß der Medusa – Franzobel

(Rechte am Buchcover liegen beim Hanser Verlag)

Das Floß der Medusa von Franzobel (c) Hanser

Wenn es nur noch ums bloße Überleben geht, was bedeutet da noch Menschlichkeit, Zivilisation oder Moral? Wir befinden uns im Jahr 1816. Der Kapitän der Argus entdeckt vor der Westküste Afrikas ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Der Anblick lässt ihn das Blut in den Adern gefrieren – Menschen mit hohlen Augen, völlig vertrockneten Lippen, Haare, die staar vor Salz sind. Die Haut, über und über mit Wunden bedeckt und verbrannt. Ausgemergelte, nackte Gestalten treiben auf diesem Floß dahin. 15 von einst 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa über zwei Wochen auf der offenen See überlebten. In den Rettungsbooten gab es zu wenig Plätze, weshalb sie einfach ausgesetzt wurden. Diese historische belegte Begebenheit ist die Grundlage für diesen epochalen Roman Franzobels. Ein Roman, der in den Kern der Menschlichkeit zielt und der Frage, wie hoch der Preis für das eigene Überleben ist, auf den Grund geht.

Ich liebe ja Historisches, insbesondere wenn es auf wahren Begebenheiten basiert. Große, epochaler Romane, damit kann man mich immer kriegen, weshalb ich diesem Werk auf jeden Fall einen Versuch geben möchte.

Schlafende Sonne – Thomas Lehr

(Rechte am Buchcover liegen beim Hanser Verlag)

Schlafende Sonne von Thomas Lehr (c) Hanser

Ein ganzes Jahrhundert Deutschland – erzählt an einem Tag im Sommer 2011.

Rudolf Zacharis ist Dokumentarfilmer. Er reist nach Berlin. Denn dort möchte er eine Vernissage seiner früheren Studentin Milena Sonntag besuchen. An diesem Sommertag im Jahr 2011 durchreisen wir ein ganzes Jahrhundert in Deutschland. Denn in der Ausstellung zieht Milena eine künstlerische Lebensbilanz und eine der Zeit. Private Verwicklungen und historische Ereignisse bringt uns Thomas Lehr mit sprachlicher Kraft näher. Drei Menschen, deren Spuren uns auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges führen bis hinein in das heutige Berlin. Ein Fresko des letzten Jahrhunderts – komisch, tragisch, persönlich und intim.

Auch dieses Buch reizt mich sehr. Ich liebe kraftvolle Sprache, die unter die Haut geht, was ich mir in diesem Fall sehr erhoffe. Wenn es dann noch in deutsche Geschichte eingebetet ist, aber gleichzeitig auch einzelne Schicksale beleuchtet, dann könnte es mir ziemlich schöne Lesestunden bereiten.

Die Hauptstadt – Robert Menasse

(Rechte am Buchcover liegen beim Suhrkamp Verlag)

Die Hauptstadt von Robert Menasse (c) Suhrkamp

Einen, wie es klingt, ebenfalls großen Roman, kraftvoll und etwas skurril, mit einer Fülle an vielfältigen Protagonisten, scheint die Hauptstadt von Robert Menasse zu versprechen und landet daher ebenfalls auf meiner Wunschliste:

Die Beamten Fenia Xenopoulou, die in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission arbeitet, steht vor einer großen Aufgabe. Sie soll das ganze Image der Kommission aufpolieren. Doch wie soll sie das nur anstellen? Kurzerhand beauftragt sie den Referenten Martin Susman damit, eine passende Idee zu entwickeln. Langsam aber sicher nimmt diese Gestalt an. Doch es ist die Gestalt eines Gespenstes aus der Geschichte, welches für Unruhe in der Kommission sorgt. Dann gibt es da noch David de Vriend, der in einem Altenheim gegenüber des Brüsseler Friedhofs seinem Tod entgegen dämmert. Als er ein Kind war, sprang er vor einen Deportationszug, der seine eigenen Eltern in den Tod führte. Er soll Zeugnis für das ablegen, was er bereits fast vergessen hat. Und auch Kommissar Brunfaut steht vor einer herausfordernden Aufgabe. Aus politischen Gründen muss er einen Mordfall auf sich beruhen lassen. Während Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder sprechen soll. Worte, die seine letzten sein könnten.

Robert Mensasse spannt einen großen Bogen über Nationen, Zeiten, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals hinweg.

Nach Onkalo – Kerstin Preiwuß

(Rechte am Buchcover liegen beim Suhrkamp Verlag)

Nach Onkalo von Kerstin Preiwuß (c) Piper Verlag

Eine Geschichte aus der Provinz, die dennoch die großen Fragen des Lebens behandelt. Als Matuschek 40 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Mit ihr teilte er sich das Haus und weiß nun nicht, wie er ohne ihre Fürsorge weitermachen soll. Er hat keine Frau und eigentlich geht man von dort fort, wo er wohnt, wenn irgendwie möglich. Aber Matuschek nicht. Er bleibt ein Bewohner des Hinterlandes. Bewohner einer längst aufgegebenen Welt. Aber zum Glück gibt es ja Nachbarn. Beispielsweise den Russen Igor, der zum Freund wird. Den alten Wirt kennt er bereits seit seiner Jugend. Außerdem gibt es da noch die Tauben, die er seit seiner Jugend züchtet. Brieftauben, die einen inneren Kompass haben und stets nach Hause zurückkehren. Freunde und seine Tauben, das kann doch eigentlich schon für ein schönes Leben reichen. Doch dann lernt er Irina kennen und das Glück scheint ihn zu winken. Bis etwas schief geht und alles von vorne beginnt.

Ein Roman, der sich den großen Fragen stellt – was hält zusammen, was macht uns glücklich? Allein das ist ein Grund, warum er bei mir eventuell punkten kann. Und wegen Matuschek, der ein vielversprechender Protagonist sein könnte.

Katie – Christine Wunnicke

(Rechte am Buchcover liegen beim Suhrkamp Verlag)

Katie von Christine Wunnicke (c) Berenberg

London, um 1870. Auch damals gibt es schon viel Nebel in der Stadt. Nebel, der der Stadt eventuell die Sinne trübt. Es gibt kaum einen Bewohner, der nicht einem Medium seiner Wahl vertraut. Abtaucht in Séancen, um mit dem Jenseits zu kommunizieren. Florence Cook ist das sogenannte It-Girl dieser Branche. In einem Schrank streng verschnürt bringt sie die aufregendste Erscheinung zutage – Katie. Katie ist 200 Jahre jung und in ein gleißend weißes Gewand gekleidet. Früher war sie Piratentochter. Heute nur noch eine unruhige Seele auf der Suche nach Erlösung. Oder doch nicht? Das Ganze ist ein Fall für William Crooke. Er nimmt Florence und auch Katie nach den Regeln der damaligen Kunst genauestens unter die Lupe. Um am Ende doch nur festzustellen, dass die Wissenschaft auch nur ein Spuk ist.

Die Geschichte verspricht mir einen Hauch Übersinnliches gepaart mit Sherlock-Feeling und typisch britisch. Wir könnten gute Freunde werden, ich bin sehr gespannt.


Die komplette Longlist könnt ihr beispielsweise beim Börsenblatt einsehen. Was haltet ihr von der Longlist? Ist es für euch repräsentativ, was die deutsche Literatur anbelangt, ein passender Querschnitt?

Für mich eher nicht. Klar, es sind einige Bücher für mich dabei, eben die oben genannten, die ich gerne lesen möchte, die mich ansprechen. Das liegt aber daran, dass ich diese Art Bücher gerne mag. Nicht jeder kann damit etwas anfangen. Sie klingen alle recht ähnlich – große Romane, mit großen Worten, die die großen Fragen des Lebens beantworten. Lediglich Katie und Romeo oder Julia stechen da etwas hervor mit einem Hauch Geheimnisvollen, detektivischen. Es wäre zukünftig schöner, wenn der Buchpreis einen bessern Querschnitt durch diese Vielfätltigkeit an Genres innerhalb der deutschen Literatur bilden würde. Um eben auch eine breitere Masse abzuholen und nicht nur die, die auf Gegenwartsliteratur stehen. Was denkt ihr?