Die Schlange von Essex von Sarah Perry - ohne Schutzumschlag (c)

Wir befinden uns im kalten, grauen London des Jahres 1893. Sarah Perry entführt uns in „Die Schlange von Essex“ hinein in das viktorianische Zeitalter. Hinein in eine Geschichte in der sie Liebe, Glaube, Wissenschaft, Armut und Reichtum gegeneinanderstellt. Eine Geschichte, die den Zauber der Welt aber auch den Aberglauben beschreibt und sich dezent entwickelnder Liebe a la Jane Austen widmet. Der Plot verspricht Düsteres und Spannung.

Wer allerdings einen rasanten Spannungsroman erwartet, ist hier falsch. Wer aber ein ruhiges, tiefes Buch lesen möchte, dass sich ganz langsam entfaltet, vor allem in Dialogen, Briefen, zwischen den Zeilen spielt und mit viel Atmosphäre aufwartet, der ist mit „Die Schlange von Essex“ richtig bedient.

Wir lernen Cora Seaborne kennen, als diese ihren Mann beerdigt. Mit dem sie nicht sie selbst war. Denn eigentlich sind ihr Aussehen oder die typischen sozialen Gefüge vollkommen egal. Sie liebt die Naturwissenschaften und ist Anhängerin der provokanten Thesen Charles Darwins. Durch Freunde landet sie in Aldwinter, Essex, wo eine mysteriöse Schlange im Blackwater ihr Unwesen treiben soll. Dort begegnet sie dem Dorfpfarrer William Ransome. Wir erleben, wie sie immer wieder aneinandergeraten und sich doch immer näherkommen. Und wir landen mitten in der immer betrübter, nebliger, frostiger werdenden Atmosphäre, aufgeladen von Angst und Aberglaube.

Zwar ist die Geschichte die ganze Zeit über, trotz der mysteriösen Geschehnisse, eher ruhig, entfaltet sich nur sehr langsam, hat keine rasanten Plottwist oder Spannungshöhepunkte. Dennoch schafft es Perry mich mit ihrem einnehmenden, melodischen Schreibstil zu fangen. Ich fror mit, fühlte den Nebel und die Feuchtigkeit – denn sie schafft es, einen direkt in das kalte, nasse, bedrückende Aldwinter zu versetzten. Die Geschwindigkeit der Geschichte hat mir richtig gutgetan, sie entschleunigt und lässt einen dennoch schaudern.

Doch die Geschichte ist viel mehr als die Geschichte um ein vermeintliches Ungeheuer. Sarah Perry schafft es, Glaube gegen Wissenschaft, Armut gegen Reichtum zu verweben, ohne uns zu erschlagen oder es gar zu offensichtlich zu machen. Ganz einfach, indem sie wunderbare ausgereifte Charaktere auf den Plan bringt, die die einzelnen Standpunkte vertreten. Sie beschreibt sie, als hätte sie jeden Einzelnen über Monate studiert. Wir begegnen Darwinismus, post-modernen Dorfpfarrern, Aberglaube. Der Wohnungskrise und den ersten bahnbrechenden Ereignissen in der Herzchirurgie.

Und dann haben wir noch eine Cora Seaborn. Ihre Anwandlungen und Macken, aber vor allem auch ihre Stärke, sich aus diesem starren, typischen Frauenbild der damaligen Zeit herauszuheben, erinnerten mich stark an Jane Austen und konnte mich alleine deshalb begeistern.

Trotz der Fülle an Themen und Details, erschlägt einen Perry nicht. Durch die gemächlich dahin schwebende Geschichte, eine bisschen wie der Nebel in Adlwinter, werden wir auf ihrem poetischen, atmosphärischen Schreibstil durch die Seiten getragen und verzaubert. Eine klare Leseempfehlung für alle, die das Viktorianische Zeitalter, England, ruhige Plots, ausgefeilte Charaktere und ein bisschen Mystik mögen.

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Infos zum Buch

Autorin: Sarah Perry
Übersetzung: Eve Bonn
Originaltitel: The Essex Serpent
Erscheinungsjahr: 2017
Verlag: Eichborn – Bastei Lübbe
Seiten: 492
Format: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8479-0030-6
Preis eBook: [D] 24,00 €

Autorin:

Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren. Heute lebt sie in Norwich. Die Schlange von Essex war einer ihrer größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Der Roman wurde im Jahr 2016 als Buch des Jahres der Buchhandelskette Waterstones ausgezeichnet. Zudem war er Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Romand und das beste Buch insgesamt. Die Schlange von Essex war außerdem für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Bailey und den Wellcome Book Prize nominiert.