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Die Vergessenen von Ellen Sandberg

von Franzi S.
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Werbung/Rezensionsexemplar*

1944 tritt Kathrin Mändler eine Stelle als Krankenschwester in der Pflege- und Heilanstalt Winkelberg an. Sie denkt, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Kurz darauf begegnet die junge Frau dem charismatischen Arzt Karl Landmann und fühlt sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Doch zu spät merkt sie, dass Landmanns Arbeit das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes. Manolis Lefertis – 2013. Er ist ein Mann für besondere Aufträge. Eines Tages soll er geheimnisvolle Akten aufspüren, die sich im Besitz einer alten Dame befinden. Er hält den Auftrag für reine Routine und ahnt nicht, dass er in Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das Generationen überdauert hat.

Fiktive Orte, historische Fakten und Krimi in einem

Sie gingen durch den Flur und stiegen die Treppe hinab. Schatten folgten ihnen.

Der andere Manolis, ein blutiges Kind mit klaffenden Wunden. Seine Schwestern, die ihre abgeschnittenen Brüste in den Händen trugen. Babás Mutter, so weiß wie ein Leinentuch, Babás Vater mit aufgeschlitzer Brust. Die kleine Therese mit den roten Zöpfen, Emil mit debilem Lächeln, Franz mit hungrigem Blick und ein Heer von Namenlosen.

Warum habt ihr uns nicht gerächt? Habt hingenommen, geschwiegen, erduldet? Vergessen?

Die Vergessenen, Ellen Sandberg, Seite 488

Leute, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Dieses Buch, ich bin sprachlos, fix und fertig, geschockt – vor allem darüber, was man eigentlich alles noch immer nicht weiß und wie wenig man in der Schule zum Thema NS-Zeit eigentlich gelernt hat. Ein grauenhaftes Verbrechen – Rache an rund 218 Menschen wegen Partisanen, die drei deutschen Soldaten getötet haben – an Frauen, Kindern, Säuglingen, Alten und Jungen, abgeschlachtet aus Rache und weil sie die Macht dazu hatten, und bis heute hab ich noch nie vom Massaker in Distomo gehört – bis zu Ellen Sandberg und Die Vergessenen. Und die Euthanasie-Morde der NS-Zeit – hat man mal gehört, aber auch hier, kaum Hintergrund, kaum Aufklärung – zu viele Vergessene. Die Pflege- und Heilanstalt Winkelberg ist zwar fiktiv, die Personen auch – doch eng angelehnt an historische Fakten und die mehr als 2000 Getöteten aus den Hungerhäusern und der Kinderfachabteilung, die es in der damaligen Pflege- und Heilanstalt Eglfing-Haar wirklich gab. Verbrechen, die kaum noch einer auf dem Schirm hat und die praktisch nicht aufgeklärt wurden und von vielen gerechtfertig wurden, von wegen „Gnadentod“.

Warum ich das erwähne? Weil genau das von Ellen Sandberg in „Die Vergessenen“ verarbeitet wird. Zwar sind Personen und Orte fiktiv, doch sie hält sich, wie sie in den Anmerkungen angibt, sehr eng an die historischen Fakten zu den Orten und den damaligen Ereignissen. Fühlte ich mich das ganze Buch über schon beklommen, so gab mir dieses Wissen den Rest. Dabei verwebt sie diese viel zu sehr vergessene Geschichte mit der fiktiven Geschichte von Manolis und seiner Familie, von Vera und ihrer Tante Kathrin und der vieler namenloser Vergessener. Das ganze schafft sie mit einem Schreibstil, der unter die Haut geht und konstant spannender Atmosphäre, die mich das Buch kaum aus der Hand legen lies. Ein Buch wie ein Krimi, mit hervorragenden gezeichneten Protagonisten, herausragend und authentisch geschrieben und recherchiert, das mich immer wieder zum Nachdenken brachte und in dem Ellen Sandberg die großen Themen Gerechtigkeit und Rache behandelt.

Zentrale Rolle spielt Vera – die im Klappentext ja gar nicht erwähnt wird. Seit Jahren hängt sie in einem Job fest, auf den Sie eigentlich keine Lust hat, der aber Sicherheit bedeutet – als Redakteurin für eine Frauenzeitschrift. Doch eigentlich will sie längst zurück zum investigativen Journalismus und etwas bewegen. Und das tut sie in „Die Vergessenen“ – denn dank ihr erfahren wir all diese Geschehnisse. Warum und wie es dazu kommt – das wäre schon zu viel gespoilert, weshalb ich nicht mehr darauf eingehen möchte. Und wie Manolis dazu passt, dessen Vater im schon als er ein sechsjähriger Junge war, die Geschichte seiner Familie erzählte, die im besagtem Massaker in Griechenland ums Leben kam, erlest ihr euch am besten auch selbst. Es lohnt sich!

Gemeinsam begeben wir uns mit Vera und Manolis tief auf die Spuren der Vergangenheit und dieser grauenhaften Verbrechen. Und gleichzeitig lässt uns Ellen Sandberg tief in die Familiengeschichten der beiden eintauchen. Familiengeschichten, die bis heute von den Ereignissen der NS-Zeit gezeichnet und teilweise überschattet sind und eine Handlung, die mehr als der Klappentext vermuten lässt im Heute spielt. Eine perfekte, äußerst gelungene Mischung und ein extrem wichtiges, gleichzeitig spannendes Buch, das ich wirklich jedem ans Herz legen kann.

Weitere Rezensionen:

Infos zum Buch
Die Vergessenen, Ellen Sandberg, Penguin Verlag, Taschenbuch, 512 Seiten, ISBN: 978-3-328-10089-8, Roman, Erscheinungsjahr: 2017

*Das Buch wurde mir vom Penguin Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Dennoch spiegelt sie meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

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Vielen Dank für deine eindringliche Rezension. Ja, neben dem großen Gräuel, das in den KZ’s ablief, vergisst man die „kleineren“ Verbrechen schon fast. Umso besser, wenn dieses Buch einem diese wieder ins Gedächtnis ruft. Mich jedenfalls hast du überzeugt, ich werde mir „Die Vergessenen“ zulegen – gegen das Vergessen.

Mich hat „Die Vergessenen“ auch gepackt. Ich fand es nur sehr schade, dass Kathrins Perspektive aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis in die heutige Zeit viel zu kurz kam. Da fehlte mir ihre Sicht und ihr Dilemma, in dem sie wohl gesteckt haben musste. Da blieb ein blinder Fleck. Trotzdem will ich gar nicht schmälern, wie eindringlich das Buch die schrecklichen geschichtlichen Ereignisse wieder aufleben lässt und den Lesern neben der ganzen spannenden Unterhaltung auch ein paar Fakten mit auf den Weg gibt. Vielleicht verfolgst Du ja die Staffel 2 von „Charite“, die gerade auf ARD läuft? Da… Weiterlesen »

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