Dora und der Minotaurus von Slavenka Dracluić (c) Aufbau Verlag

Dora und der Minotaurus bezieht sich nicht nur vom Titel auf Picassos berühmtes Bild. Denn es ist die Geschichte von Dora Maar, einer gefeierten Fotografin aus dem Kreise der Surrealisten. Sie erzählt von ihrem Leben und ihrem von großer Liebe und Leid gekennzeichneten Verhältnis zu einem der Genies des 20. Jahrhunderts – Pablo Picasso.

Ich fühlte mich, als risse mir jemand Stücke rohen Fleisches vom Leib. Picasso zerschnitt auf dem weißen Teller wie auf einem Altar, auf dem man Opfer darbringt, mich und nicht das Rindfleisch. (S. 170)

Picassos „Dora und der Minotaurus“ zeigt ein Ungeheuer mit Menschenleib und Stierkopf beim Liebesakt. Es verkörpert nicht nur die Bestialtiät des Menschen, sondern auch die tödlichen Wunden, die Liebe verursachen kann. Wunden, die auch die einst bekannte Fotografin Dora Maar davonträgt, als eine der wichtigsten Frauen im Leben des Ausnahmekünstlers. Denn im wirklichen Leben ist Picasso selbst der Minotaurus, der die Frauen zerstört, der sich selbst am nächsten ist und nur sich und seine Kunst liebt. Alles andere ist unwichtig, belanglos, nicht von Bedeutung. Ein Ungeheuer, der die Frauen zerstört und in den Wahnsinn treibt und um den sich Jahrzehnte lang alles dreht. In seinem Bekanntenkreis ist stets er die Sonne, der Gott, das Zentrum. Die Frauen haben auf ihn zu hören, wenn es zu kompliziert wird, hat er keinen Bock mehr und benutzt sie als Schuhabtreter. Allen voran Dora, die als eine der wichtigsten Frauen in seinem Leben auch das größte Leid erfährt und sich irgendwann vollkommen verliert und alles, was sie ausmachte, aufgibt.

Ich spreche drei Sprachen fließend, dazu ein bisschen Englisch, aber die Sprache der Fotografie ist meine einzige, authentische Sprache. […] Diese Sprache hat mir Picasso genommen, der Minotaurus. (S. 67)

Dora Maar wurde 1907 in Paris geboren, wuchs jedoch in Buenos Aires auf. Doch Sie war zu Beginn weit mehr als eine von vielen Geliebten des genialen Picasso. Bereits vor der Beziehung war sie eine gefeierte Fotografin. Sie gehörte zu den schillerndsten Figuren der Pariser Avantgarde um André Breton, Brassaï und Man Ray. Dora, die man auf vielen von Picassos Werken findet, wie beispielsweise sein Werk „Die weinende Frau“. Drakulić lässt Dora Maar in ihrem neuen Roman selbst zu Wort kommen. Denn Dora schrieb ihr Leben und ihre Beziehung zu Picasso selbst in einem dicken Notizbuch mit lila Tinte auf. Diese Notizen sind es, die uns hier präsentiert werden, lektoriert und mit Anmerkungen. Dank Drakluić bekommt Dora Maar ihre Stimme zurück.

Wäre ich die alte Dora gewesen, hätte ich zynisch gelacht. Hätte ich ihm gesagt, dass er niemanden liebe außer sich selbst, hätte ich mich umgedreht und wäre gegangen. (S.138)

Denn diese hatte sie im Laufe der langjährigen Beziehung, oder viel mehr Abhängigkeit, zu Picasso verloren. Sie selbst schwieg, brauchte selbst mehrere Versuche, sich ihre Notizen aufzuschreiben. Eine einst starke, gefeierte Frau, die ihren Traum und ihrer Karriere für einen Mann aufgab, der sie bis an ihr Lebensende nicht mehr losließ. Wir erleben die Jahre ihrer fast schon krankhaften Beziehung zu Picasso, wie sie sie zerstörte, wie sie anschließend versuchte, wieder zu Leben und doch weiterhin abhängig bleibt. Und nebenbei tauchen wir erst ein in das kurze Leben in Argentinien und dann in Welt der Kunst und Literatur und Surrealisten im Paris der 1930er Jahre. Ein Buch, das unter die Haut geht und einem Einblick in das Leben dieser zwei gefeierten Künstler des 20. Jahrhunderts gibt. Wer sich für Kunst, Fotografie und Picasso interessiert, dem kann ich das Buch auf jeden Fall nahe legen. Wortgewaltig erleben wir diese krankhafte Beziehung und Dora Maars zerrissene Persönlichkeit mit.

Anzeige - Infos zum Buch

Verlag: Aufbau Verlag

Erscheinungsjahr: 2016

Seiten: 236

Genre: Roman

Format: Gebunden mit Schutzumschlag

Übersetzung: Katharina Wolf-Grießhaber

ISBN: 978-3-351-03643-0

Preis: 9,99 €

Headerbild: (c) Aufbau Verlag

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Autorin:

Slavenka Drakluić wurde 1949 in Kroatien geboren. Sie ist Schriftstellerin und Journalistin von internationalem Rang. Ihre Sachbücher und Romane werden in viele Sprachen übersetzt. Sie schreibt Artikel zu politischen und sozialen Themen, die in Zeitungen rund um die Welt erscheinen.