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Gun Love von Jennifer Clement

von Franzi S.
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Werbung/Rezensionsexemplar

Pearl lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in einem Trailer Park. 14 Jahre zu zweit in einem Ford Mercury auf dem Besucherparkplatz. Pearl vorne, ihre Mutter auf der Rückbank. Bewegt wurde der Mercury in all den Jahren nicht. Höchsten spielt Pearl mal fahren und dann träumen die beiden, dass sie mit Vollgas irgendwo hinreisen.

Vor ihrer Tür ist die Welt den Waffen verfallen. In Florida, wo die Waffengesetze der USA wohl am laxesten sind. Aber hier, in den vier Wänden des Ford Mercury, ist Pearl sicher und kann träumen. Bis eines Tages ein schöner Mann und seine Pistolen alles verändern.

Mutter-Tocher-Zauber

Pearl hat silberweißes Haar und ist schneeweiß. Sie ist es daher gewohnt, angestarrt zu werden. Mit ihrer Mutter lebt sie schon ihr Leben lang in einem Auto, auf dem Besucherparkplatzes eines Trailer Parks in Florida. Abseits von allen größeren Städten, mitten im Nirgendwo. Ihre Mutter, die zur Musik auf dem Armaturenbrett Klavier spielt, im Veterinär-Krankenhaus in der Nähe putzt und im Kofferraum Schmuck und Ligmones-Prozellan bunkert und sämtliche Liebeslieder der Welt kennt. Ohne die Liebeslieder würde die Hintergrundmusik nur aus Schüssen bestehen.

Meine Mutter war eine Tasse Zucker. […] Und sie kannte alles Liebeslider, die ganze Universität der Liebe. […] Aber das Süße sehnt sich nach dem Bösen, und Mr Bad erkennt Miss Sweet schon von weitem. Meine Mutter riss den Mund auf zu einem großen O und atmete ihn direkt in sich ein.

Gun Love, Jennifer Clement, Seite 9

Und die ihrer Tochter versucht alles beizubringen, was im Leben wichtig ist. Sie Leben in einem Mercury, doch Pearl weiß dennoch, wie man ein 4 Gänge Menü im Nobelrestaurant bestreiten würde. Denn ihrer Mutter ist wichtig, dass Pearl weiß, wie man sich benimmt. Und dass sie weiß, das es besser ist, lieber keine Freunde zu haben als solche, die es gut meinen, denn dann steht viel zu schnell das Jugendamt vor der Tür. So ist April-May Pearls einzige Freundin, mit der sie Zigaretten stiehlt und auf der Müllhalde nach toten Tieren sucht. Bisher bleiben die beiden unter dem Radar, ihre Mutter geht ihrer Arbeit nach, die Nachbarn im Trailer Park haben selber ihr eigenes Päckchen zu tragen.

Auf dem Fußboden lagen ein Kinderbuch und ein Spielzeuglaster. Das Buch war ein Malbuch mit Zeichnungen von Pistolen, Schrotflinten und Maschinengewehren. Auf dem Cover stand Waffenausmalbuch.

Gun Love, Jennifer Clement, Seite 92

Doch eines Tages kommt Eli und mit ihm kommen die Waffen. Auch wenn Schüsse, meist in Form von Schießübungen, an der Tagesordnung sind, werden diese Waffen Pearls Leben für immer auf den Kopf stellen.

In meinem Halbwachtraum hörte ich die Waffen sprechen. Sie erzählten mir Geschichten über ein siebenjähriges Mädchen und einen zweiundzwanzigjährigen Mann, auf die man aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug geschossen hatte, […] Kugeln, die Bäume zerfetzten, […] Gewehrschüsse im Regen und tote Regentropfen, zwanzig Kugeln für den Mond, […] von Kugeln durchbohrte Wörter, so dass vom Alphabet nur a b c l r s t x z übrig blieb […].

Gun Love, Jennifer Clement, Seite 112

Poetisch und eindringlich

Jennifer Clement schreibt die Geschichte in einem sehr poetischen Ton. Ein Leben und ein Umfeld, dass man sich kaum vorstellen kann. Gewalt, insbesonders Waffengewalt, ist an der Tagesordnung. Doch Jennifer Clement schafft es, das Ganze sehr sanft und anmutig, ohne jegliche Sensationslust oder übertriebene Action zu verpacken.

Und macht die Geschichte rund um Pearl gerade dadurch zu etwas Besonderem. Die Geschichte geht dank Clements Schreibstil direkt unter die Haut, bereitet Gänsehaut und ist wahnsinnig eindringlich und ungeschönt geschrieben. Neben dieser einzigartigen Mutter-Tochter-Beziehung, die einen mit den beiden gemeinsam träumen lässt, zeichnet sie ein bedrückendes und schier unfassbares aber leider äußerst reales Gesellschaftsbild und drückt mit dem Finger in offene Wunden. Das Thema der Waffengewalt in den USA, insbesondere Florida, Waffenschmuggel und die Opfer, die dadurch entstehen, hat Jennifer Clement sanft und doch brutal so geschickt verpackt, dass „Gun Love“ noch lange Zeit nachklingen wird und zum Nachdenken anregt. Das Ende bleibt offen und so rätsel und hoffe ich noch heute, wie es mit Pearl und ihrem Leben weitergeht.

Kurzfassung „Gun Love“

Weitere Rezensionen

Die Autorin

Jennifer Clement wurde 1960 in Connecticut geboren. Aufgewachsen ist sien in Mexiko-Stadt. In New York und Paris studierte sie Literaturwissenschaften und hat Lyrik und bisher drei Romane veröffentlicht. Sie ist Präsidentin des P.E.N. International und kämpft dabei im Namen von Autoren*innen weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Bereits Gebete für die Vermissten, ein Roman über die Schicksale gestohlener Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg.


Infos zum Buch

Verlag: Suhrkamp

Erscheinungsjahr: 2018 (September)

Seiten: 251

Genre: Roman

Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner

Format: Gebunden mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-518-42832-0

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[…] Buchmesse. Hier gingen wir gemeinsam abends auf eine Lesung mit Jennifer Clement. Danach musste ich Gun Love unbedingt haben und habe es angefragt. Ich bin so froh, dass ich diesen Buchschatz entdeckt habe, […]

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