Kia mit Hanover's Blind in Hannover (c) Lily Wildfire

Headerbild (c) Lily Wildfire

In meinem Übersichts-Beitrag zur Blogtour und Crowdfunding-Kampagne von Kia Kahawa zu ihrer Novelle „Hanover’s Blind“ habe ich euch bereits alle wichtigen Infos festgehalten. Und auch die Beiträge der anderen Teilnehmer sind dort verlinkt. Schaut doch dort mal vorbei. Und wenn ihr sie bei ihrem Projekt, Hanover’s Blind mit Hilfe des Crowdfunding professionell zu lektorieren, korrigieren und Designen zu lassen unterstützen möchtet, klickt ers mal hier:

Projekt unterstützen

Ich darf das Schlusslicht dieser, wie ich finde, sehr gelungenen Blogtour bilden und habe mich mit Kia über das Thema „Sich selbst im Weg stehen“ ausgetauscht.

Sich selbst im Weg stehen

Cover von Hanover's Blind von Kia Kahawa. Gestaltung: Esther Wagner (c) Kia Kahawa

Cover von Hanover’s Blind von Kia Kahawa. Gestaltung: Esther Wagner (c) Kia Kahawa

Das ist eines der Hauptkennzeichen aller Protagonisten/Innen aus Kias Projekten. Auch Adam gehört dazu. Um ihn geht es in Hanover’s Blind. Er ist ein sehbehinderter Studienabbrecher, der in seine Traumstadt Hannover zieht, um ein sich ein Leben auf eigenen Beinen aufzubauen. Abseits von Normen und Erwartungen anderer wird er mit dem konfrontiert, was sein neues Leben so bietet. Um sich selbst zu schützen und weil er nicht glaubt, dass andere ihn gleichwertig behandeln, verheimlicht er seine Sehbehinderung. Er möchte nicht, dass ihn jemand wie einen Behinderten behandelt. Doch mit diesem geringen Selbstwertgefühl und der Angst, sich zu offenbaren, steht er sich doch nur selbst im Weg. Kia hat mir ein paar Fragen zu diesem Thema beantwortet, vielen Dank dafür!

Was bedeutet für dich „Sich selbst im Weg stehen“?

Kia: Sich selbst im Weg stehen bedeutet für mich, dass nahezu jeder Mensch, den ich kenne, seine eigenen Potentiale nicht richtig nutzt. Daran sind wir gar nicht selbst schuld. Meist kommt das aus der frühkindlichen Erziehung oder der Schule. Ich bin eine große Gegnerin unseres Schulsystems, unter anderem, weil ich mich als Hochbegabte dort extrem gelangweilt habe und nie richtig gefördert wurde. Schließlich hat man mir innerhalb von 13 Jahren beigebracht, dass Mehrarbeit nicht honoriert wird und man am besten bewertet wird, wenn man eine Situation aushält. Ohne Regung ausharren und nicht aus dem System herausfallen – das ist wohl für jeden die Lehre, die man als Jugendlicher lernt. In gewissem Rahmen ist das auch wichtig, um ein sozial verträglicher Mensch zu werden, aber viel zu oft tragen wir diese Systemkonformität ins Erwachsenenalter.

Da spielt auch das Bewertungs- und Belohnungssystem rein, mit dem wir alle aufgewachsen sind. Auf einen Reiz folgt eine Reaktion. Auf Leistung folgt Belohnung. Wenn wir uns also nach meiner Definition selbst im Weg stehen, wissen wir von Anfang an, dass die Belohnung ausbleibt und versuchen etwas gar nicht erst. Sei es das schwierige und kaum zu finanzierende Studium, bei dem nicht gesagt ist, dass man später einen gut bezahlten und guten Beruf bekommt. Oder der Schritt in die Selbstständigkeit, die nie ohne Risiken einhergeht. Oder allein der Versuch, sich selbst zu verbessern, persönlich zu entwickeln, ehrenamtlich zu arbeiten, Gewicht zu verlieren – in all diesen Bereichen stehen wir uns oft selbst im Weg, weil uns die direkte Belohnung für eine Verhaltensveränderung fehlt.

Und um den Schwenk zu meiner neuen Novelle Hanover’s Blind zu ziehen: Adam vermeidet es, sich selbst zu akzeptieren und verschweigt seine Sehbehinderung. Dadurch steht er sich selbst im Weg, indem er den Menschen seiner nahen Umgebung die Möglichkeit nimmt, ihn trotz (oder gerade wegen) seiner Besonderheit wertzuschätzen. Ich glaube, wir alle verschenken viel Potential, indem wir gehemmt sind und uns selbst im Weg stehen.

Ich: Auch ich finde, dass wir schon in der Schule lernen, sich selbst im Weg zu stehen. Bei mir war es wohl oft die Angst vorm Scheitern, vor der Zukunft, vor negativen Konsequenzen und bis heute oft ein eher geringeres Selbstwertgefühl, mit dem ich mir machmal noch immer selbst im Weg stehe. Ich stand mir schon als Jugendliche einfach durch meine Lern-Faulheit selbst im Weg und könnte mich heute noch rückwirkend dafür Ohrfeigen. Doch das würde ja auch nur wieder eine Art des sich im Weg stehen sein, weil in die Vergangenheit blicken auf Dauer auch nicht glücklich macht. Meine Konsequenzen daraus waren, dass ich mich oft selbst schlecht macht, unsicherer war, als ich hätte sein müssen und immer lieber auf den sichereren Weg setzte und oft unzufrieden war und manchmal immer noch bin, mit dem, wo ich bin. Aus Angst vorm Versagen und der Meinung anderer, bremst man sich und seine Träume da nur aus. Ich denke, da hast du vollkommen recht, dass wir so viel zu viel Potential verschenken und uns unnötig einschränken.

Was empfindest du als typische Konsequenzen und Probleme daran, wenn man sich selbst im Weg steht?

Kia: Eine typische Konsequenz ist für mich, dass wir schlichtweg unzufrieden sind. Adam könnte mehr erreichen, würde er nicht so viel Energie darauf verwenden, ein anderes Bild von sich selbst nach außen zu tragen als das, was er wirklich ist. Ich hätte das Abitur in vielleicht 10 oder 11 Jahren schaffen können und dann, wer weiß, wie mein Leben heute aussähe?

Als Herausforderung sehe ich bei dem ganzen Thema, dass wir ein bisschen „back to the roots“ gehen müssen. Ich erlebe in meinem Berufsalltag viele Menschen, die sich mit dem Wie befassen und nicht mit dem Was. Bevor ein Projekt angegangen wird, geht es viel um Achtsamkeit, Selbstwertschätzung und Was-wäre-wenn-Analysen. Schöner wäre es doch, wenn wir den Mut hätten, etwas zu tun und die eben genannten Eigenschaften selbstverständliche Voraussetzung wären.

Ich: Oh ja, eine größere Portion Mut sollten wohl viele von uns haben. Einfach mal machen, sich einfach mal trauen, da bin ich leider selbst oft ein Kandidat, der sich mit zu wenig Mut im Weg steht. Wie sieht es denn mit deinen weiteren Charakteren aus – du sagtest in deinem ersten Interview zur Blogtour, dass das sich „selbst im Weg stehen“ ein besonderes Kennzeichnen aller deiner bisherigen Protagonisten/Innen ist.

Warum bzw. wie standen sich deine Charaktere selbst im Weg?

Kia: Dazu würde ich dir gerne meine bisher drei vollendeten Werke pitchen.

In „Die Krankheitensammlerin“ empfindet sich die übergewichtige, depressive Fiona als Fehler in der Welt und glaubt, alles selbst verändern zu müssen. Gleichzeitig verschwendet sie viel Zeit, ist total überfordert und ist ungeduldig mit sich selbst, sodass sie von heute auf Morgen alle Probleme gleichzeitig lösen möchte. Statt ihre Probleme langsam und achtsam anzugehen, tritt sie das Gaspedal durch und macht sich das Leben schwer.

In „Irre sind menschlich“ leidet der narzisstische Alois eine manische Psychose und gerät in eine Psychiatrie. Da lehnt er jede Therapie ab und stellt die Klinik auf den Kopf, so weit es ihm möglich ist. Dass er sich durch eine mehrwöchige Verweigerung jeder Therapie selbst im Weg steht, ist hier wohl selbstredend.

In „Hanover’s Blind“ zieht der sehbehinderte Adam nach Hannover, um in seiner Traumstadt ein Leben auf eigenen Beinen aufzubauen. Er verschweigt seine Sehbehinderung, damit er nicht abgestempelt wird und nicht wie ein Behinderter behandelt wird. Dabei steht er sich selbst im Weg, weil er sich selbst und den anderen keine Chance gibt, ihn vollumfänglich zu akzeptieren.

Hanover's Blind steht sich selbst im Weg (c) Kia Kahawa

(c) Kia Kahawa

Um noch ein bisschen bei Adam zu bleiben – Inwiefern erschwert ihm das Verschweigen seiner Sehbehinderung das Glücklichsein und das Erreichen seiner Träume?

Kia: Als erstes fällt mir da die Jobsuche ein. Er erzählt seinen Freunden natürlich, dass er nicht das geringste Übel haben will, sondern einen Job, der ihn erfüllt. Da er gegenüber einem potentiellen Arbeitgeber natürlich seine Behinderung offenlegen muss, gerät er in ein Call-Center. Das ist so ziemlich der einzige Beruf, der Adam zu Beginn von Hanover’s Blind einfällt. Und dann muss er seinen Freunden gegenüber rechtfertigen, warum er denn im verhassten Call-Center-Job arbeitet und nicht wie angekündigt nach der perfekten Arbeit mit Glück, Erfüllung, Sinn, Zweck und co sucht. Durch Kontakte und Erfahrungen anderer ist die Jobsuche viel leichter, und vielleicht hätte man ihm bei seinem Auftritt bei Vorstellungsgesprächen oder bei der Stellensuche allgemein helfen können.

Aber auch in kleinen Bereichen verzichtet Adam auf seine Selbstbestimmung. Weil er die Getränkekarte nicht lesen kann, bestellt er in einer Bar den Cocktail, den eine seiner WG-Mitbewohnerinnen bestellt. Ohne zu wissen, was da drin ist.

Gewisser weise lebt Adam also ein Doppelleben. Gegenüber Arbeitgebern und Fremden auf der Straße lässt er sich gerne den Weg erklären oder steht zu dem, was er ist. Gegenüber denen, die seine Freunde sein sollen, vertuscht er alles so gut es geht. Brisant wird es, als Adam sich verliebt. Er ist der Meinung, „zu behindert“ zu sein, um geliebt zu werden. Aber mehr verrate ich da an dieser Stelle nicht.

Hast du noch andere Beispiele an Charakteren, die sich selbst im Weg stehen oder standen, beispielsweise aus deinen Lieblingsbüchern? Und wenn ja, wie standen sie sich im Weg?

Kia: Oh, da habe ich schon ein paar Beispiele. Aber generell steht sich jeder Held in der Romanstruktur einer klassischen Heldenreise im Weg. Zuerst kommt der Ruf des Schicksals, dann verweigert der Held seine Bestimmung, bis er sich von einem Mentor helfen lassen soll. Das sind glaube ich die Punkte 1 – 4 der Heldenreise nach Campbell.

Ohne die Heldenreise als zugrundeliegende Struktur fallen mir da Daniel aus „Daniel is different“ ein. Er hat zwanghafte Probleme und verrät sie niemandem, erhält also auch keine Hilfe. In „Die Optimierer“ hält sich der Protagonist Samson in einer Situation gegen seine eigene Meinung an das Gesetz, reitet sich dadurch rein und wird später damit konfrontiert, dass er sich gar nicht an die Regeln hätte halten müssen.

Viel häufiger stehen den Protagonisten aber äußere Einflüsse im Weg. Ulik aus „Im Durcheinanderland der Liebe“ durchlebt die kulturellen Hürden, die zwischen den Inuit und den Pariser Franzosen herrscht. In „Harry Potter“ wird Harry zunächst von seinen Onkeln, dann von Voldemort und schließlich von allem Erdenklichen davon abgehalten, ein stinknormaler Schüler in Hogwarts zu sein. In „Scythe“ sind es die Regeln und Gesetze des Scythetums, die Rowan und Citra am normalen Leben und später am Erreichen ihrer Ziele hindern.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass „sich selbst im Weg stehen“ eher in wenigen belletristischen Texten thematisiert wird, finde es aber sehr wichtig, da sich viele Leserinnen und Leser damit identifizieren können. Und weil dabei herzliche selbstironische Texte entstehen können, durch die man auch über sich selbst lachen (oder daran wachsen) kann.

Ich: Mir wäre spontan gar kein Beispiel eingefallen und einige kenne ich noch gar nicht. Harry natürlich schon :). Da hast du mir gleich noch ein paar passende Buchtipps dazugegeben, vielen Dank! Auch ich finde, dass es ruhig viel öfter und klarer vorkommen könnte, weil es ein wichtiges Thema ist, das vermutlich jeden von uns immer wieder Probleme bereitet, vielen von uns sind sich meist gar nicht bewusst, dass sie sich oft „selbst im Weg stehen“.

Kannst du uns zum Abschluss eine Situation schildern, in der du dir selbst im Weg standest? Und wie hast du es geschafft, dir selbst wieder mehr zuzutrauen und welche Tipps würdest du mir und meinen Lesern mit auf den Weg geben?

Kia: Ich stand mir gefühlt schon mein ganzes Leben selbst im Weg. Ich hatte falsche Werte, beispielsweise konnte ich in der Schule zwei Jahre überspringen. Weil mir meine Freunde so wichtig waren, habe ich mich über 13 Jahre durchs Abitur gequält, war dauerhaft unterfordert und langweilt – und die für meine Entschiedung ausschlaggebenden Freunde habe ich heute nicht mehr. Oder allgemein mit der Selbstständigkeit: Ich will und wollte nur Autorin werden. Mir wurde ins Ohr gesetzt, ich müsse eine klassische kaufmännische Ausbildung machen, um „etwas in der Hand zu haben“. Das hat mich zwei Jahre meines Lebens und extrem viel Gesundheit gekostet. Jetzt bin ich selbstständig und mache ein Fernstudium nebenbei, das mich wirklich zum Ziel bringt: Nämlich das, was ich seit vier Jahren nebenberuflich als Quereinsteiger mache, auch auf dem Papier zu können. Gleichzeitig habe ich sehr viel Zeit zum Schreiben – ein riesiger Luxus, für dich ich jeden Tag dankbar bin.

Wie ich es geschafft habe, mich das zu trauen, das ist eine gute Frage. Ich habe ja nur im zweiten Beispiel mein eigenes Blockieren überwunden und mir den Weg frei gemacht. In meinem Fall bin ich wirklich über meine Grenzen gegangen. Die Ausbildung hat mich wegen verschiedener Gründe extrem kaputt gemacht. Depression, Panikattacken, Suizidalität und alles drum und dran. Nur, weil ich eingesperrt wurde und nichts tun durfte. Generell würde ich also jedem empfehlen: Werdet euch bewusst, was ihr euch wirklich wünscht. Setzt keine Maske eines glücklichen Ichs auf, sondern zeigt nach außen und euch selbst, wie es euch geht. Somit könnt ihr eine Entscheidung schneller beurteilen. Ein gequältes Lächeln kann schnell dafür sorgen, dass man ein paar Jahre seiner Lebenszeit mit einer falschen Entscheidung lebt und sich schließlich fragt, ob man selbst der Fehler im System ist. Aber das System ist immer der Fehler. Sucht euch euer eigenes System. Man muss nicht studieren, nur weil man ein Abitur hat. Man muss keine staatlich anerkannte Ausbildung haben, um einen guten und erfüllenden Job zu bekommen. Und, verdammt nochmal, man muss nicht makellos sein, um geliebt zu werden. Im Gegenteil. Ein Mensch mit Schwächen ist liebenswürdig. Ein Lebenslauf mit Kurven ist spannend. Persönlicher Erfolg ist immer selbstgemacht. Runter von den ausgetretenen Pfaden. Traut euch!

Vielen Dank liebe Kira, ein wirklich tolles Gespräch und ein wundervoller Schlussatz. Und nun ihr lieben, helft ihr, Hanover’s Blind herauszubringen und spendet auf startnext mit!
Mach mit bei der Spendenaktion zu Kia Kahawas Novelle Hanover's Blind (c) Kia Kahawa

(c) Kia Kahawa