Hinterhofleben von Maik Siegel (c) Divan Verlag
Rezensionsexemplar

In der Hausnummer 68 mitten in Prenzlauer Berg gibt es statt Diskussionen zur Mülltrennung seit Kurzem eine über die Weltpolitik und die Flüchtlingskrise. Im Hinterhof des Altbaus steht eine Linde, die seit vielen Jahren den Mittelpunkt des Hofes bildet. In ihrem Schatten erleben die Hausbewohner vieles, vom Alltag bis hin zu den neuesten Ereignissen. Denn während die Linde gerade anfängt zu grünen, beschließt die Hausgemeinschaft, dem illegalen Flüchtling Samih aus Syrien Unterschlupf zu bieten.

Über seine Aufnahme entscheiden sie gemeinschaftlich. Inga und Jan wollen ihn retten und ihm ihr Arbeitszimmer zur Verfügung stellen. Auch die Studentinnen Nikola und Julia wollen irgendwie schon helfen. Die alteingesessenen Berliner Günther und Ute wollen nicht, dass sich ihr Leben auch nur im Ansatz ändert. Die gutbürgerliche Anne und ihr Mann Sven sorgen sich vor allem um ihre Tochter. Der scharfzüngige Ott, Schriftsteller, und der Amerikaner Will spotten eher. Und die kenianische Familie, zumindest die Eltern, bleiben äußerst skeptisch. Der Sohn wittertet derweil ein großes Abenteuer wie bei TKKG.

Und ein Windstoß schüttelte erneut die Linde, wiegte sie, schüttelte an ihren Ästen, bis er schließlich von ihr abließ und sie erstarrte, als wäre nie ein Wind durch sie gefahren. (S. 251)

Wir begleiten die Hausbewohner bis zum Fall des letzten Blattes an der Linde, einer stillen Beobachterin dieser Monate. Monate, in denen jeder der Hausbewohner verschiedenste Seiten und wohl auch zum Teil das wahre Ich entblößen. Wir erfahren viel über das bisherige Leben, die Einstellungen und Gewohnheiten der Bewohner. Teilweise werden wir hier gewaltig positiv überrascht, aber auch aufgeschreckt und enttäuscht. Bis zum Schluss löst Samih und dessen Geschichte und Schicksal gespaltene Meinungen hervor und die Frage ist, ob er nur jemals teil der Gemeinschaft werden kann?

Maik Siegel nimmt uns mit in einen typischen Hinterhof. Er wirft ein Potpourri an Charakteren hinein und verpackt das ganze in einen klaren, schonungslos ehrlichen und angenehmen Schreibstil. Obendrauf kommt noch ein bisschen Zynismus, Aufklärung und Alltagsschmerz. Wir haben den smarten Ami und eine Migrationsfamilie aus Kenia. Das Rentnerpaar bestehend aus Günther, der gerne die Straße beobachtet und Gesetzessünder anzeigt. Und Ute, seine Frau, die eine Klatschbase schlechthin ist und alles weitertratscht, was ihr zu Ohren kommt. Sven und Anne hingegen sind gutbürgerlich mit auf Watte getragenem Kind, das alle mit ihrem “ach so gutem” Klavierspiel malträtiert. Nikola und Julia die Öko-Studentinnen und schließlich Inga und Jan, die Samih überhaupt erst in das Leben dieses vielfältigen Mixes bringen. Ein Mix, der viel Konfliktpotenzial bietet, insbesondere bei diesem heiklem Thema.

Maik Siegel regt einem zum Nachdenken an zwischen all den Vorurteilen, den “Ich hab es ja gleich gesagt”-Statements, dem teilweise vollkommen falschen Bild, was viele hier vermutlich von Flüchtlingen haben. Wie würde man selbst reagieren, wenn ein illegaler Flüchtling das Leben auf den Kopf stellt und einen aus der Komfortzone holt? Offen und tolerant? Oder doch eher skeptisch, man könnte ja Probleme bekommen? Fragen, die man vermutlich jetzt sofort mit voller Überzeugung beantwortet oder zumindest einige von uns. Bei denen man aber vom ersten bis zum letzten Blatt an der Linde doch vollkommen daneben gelegen haben könnte.

Ein Buch, dass einen schon beim Lesen aus der Wohlfühlzone holt und genau deshalb so wichtig ist. Es klärt über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland auf. Dabei spiegelt es wohl viele der unterschiedlichen Meinungen und typische Vorurteile und Gewissenskonflikte vieler Deutscher wider. Dennoch unterhält der Roman durch den leichten Erzählton und durch diese bunte Mischung. Hinterließ mich berührt, sprachlos und ein Stück aufgeklärter. Er zeigt uns, wie wichtig es ist, mit den Menschen zu sprechen, sie nach ihrer Geschichte zu Fragen und nicht einfach hinter deren Rücken zu urteilen.

Bis es soweit war, musste er zuhören, da hatte Ott ganz recht.(S. 229)

*Das Buch wurde mir vom Spread and Read und dem Divan Verlag zur Verfügung gestellt. Die Rezension spiegelt dennoch meine eigene und ehrliche Meinung wieder.

Anzeige/Infos zum Buch

Erscheinungsjahr: November 2017

Verlag: Divan

Seiten: 300

Sprache: Deutsch

Genre: Roman/Gesellschaftsroman/Großstadtroman

Format: Klappenbroschur

ISBN: 978-3-86327-046-9

Preis: [D] 15,90 €

Weitere Rezensionen:

BücherKaffe

Kill Monotony

Fräulein Julia

LiteraturReich

Autor:

Maik Siegel wurde 1990 in Salzgitter geboren. In Braunschweig, Berlin, Leeds, Taipeh und London studierte er Germanistik und Anglistik auf Lehramt. Außerdem hatte er Arbeitsaufenthalte in Tansania, Kanada und Urugay. Im Jahr 2013 gewann der den A.E. Johann-Literaturpreis. Außerdem ist er Redaktionsmitglied des Literaturmagazins “metamorphosen” und lebt in Berlin-Neukölln.

Loading Likes...