Im Glashaus von Deva Manick (c) Engelsdorfer Verlag
Rezensionsexemplar

Deva beschreibt in seinem Buch das Leben zwischen zwei Kulturen. Viel zu schnell werden Migranten verurteilt, gemieden, beschimpft – Sie seien ja selber schuld, dass sie sich nicht integrieren. Sie sollen gefälligst unsere Sprache lernen, sie sollen gefälligst unsere Kultur annehmen und ihre am besten komplett vergessen, für immer. Grauenvolles Gedankengut, unmögliche Forderungen. Klar, auch ich finde, dass es ja auch für die Migranten selbst wichtig ist, integriert zu sein, und dass die Sprache zu können, da ein wichtiger Schritt ist.

Aber, mal ehrlich – würdet ihr Auswandern und eure Herkunft, eure Werte, eure Kultur, all das, was ihr schon immer kanntet, womit ihr schon immer gelebt habt, einfach ignorieren und zack, ein neuer Mensch werden? Einer, der nicht ihr seid? Nein, oder? Weil es erstens nicht so einfach geht und zweitens auch nicht in so einem Ausmaß sein muss und auch nicht von anderen verlangt werden sollte. Mehr Offenheit, mehr Toleranz, das ist es, was zählt. Und dank Autoren wie Deva bekommen wir die Möglichkeit, auch mal hinter die Kulissen zu blicken und noch mal etwas mehr Verständnis zu bekommen.

Deva zeigt uns, dass es eben nicht so leicht ist, wie es scheint. Was jedem eigentlich klar sein sollte, aber leider vielen nicht ist. Er erzählt uns von persönlichen Erfahrungen aber auch aus den Beobachtungen und Gesprächen mit anderen aus dem Leben von Exil-Tamilen. Er selbst wurde in Deutschland geboren. Seine Eltern und auch älteren Schwestern haben jedoch in Sri Lanka gelebt. Sein Vater trat die Reise ins Ungewisse, nach Deutschland, zuerst an. Seine Mutter erlebt mit seinen Geschwistern den Bürgerkrieg in den 80ern und reist schließlich nach Deutschland nach. Und nicht nur seiner Familie geht es so, vielen anderen aus diesem, oder andere Bürgerkriegsländern ging es ähnlich. Ein Leben, indem man viele traumatische Erlebnisse, körperliche und seelische Verletzungen erfährt. Ein Leben, das einen tief prägt und seelisch mitnimmt. Eines, dass man eben genau deshalb, nicht einfach Abschütteln kann.

Gerade die, die nicht aus freien Stücken, sondern wegen der Umstände im eigenen Land flüchten, haben es vermutlich besonders schwer. Natürlich will und muss man sich ein Stück Heimat, ein Stück Kultur bewahren. Das Aufhalten in eigenen Kreisen hilft, das Festhalten an Kulturen und Bräuchen. Gerade die ältere Generation hat so viele Jahre in der eigentlichen Kultur gelebt, dass es nur noch sehr schwer möglich ist, sich auch in die westliche Kultur einzufinden. Deva berichtet dabei von eigenen Erlebnissen, zeigt auf, warum und wo die Probleme und Hürden liegen. Da geht es schon in dem, zumindest was die meisten, deutschen Familien betrifft, großem kulturellen Unterschied los.

Sri Lanka – dort gab und gibt es verbreitet noch immer das Kastensystem. Der Vater ist der Patriarch, es geht nicht sehr liebevoll zu, der Jungs im Haus müssen die Familie einmal ernähren. Der Erziehungsstil ist eher rau, der Leistungsdruck hoch, Prestige mit das Wichtigste, das Gesicht nicht zu verlieren. Ausgemachte Ehen an der Tagesordnung, Liebesheirat ein Affront an die Werter der Familie. Heiraten außerhalb der eigenen Schicht tabu. Klar, auch einige deutsche Familien leben mit alten, sehr christlichen, konservativen Werten. Auch in Deutschland ist ein inoffizielles Schichtendenken verbreitet. Aber im Großen und Ganzen haben wir eine freiere Kultur. Wir wachsen offener, mit mehr Liebe, weniger starren, kulturellen Regeln auf. Und nun stellt euch vor, ihr seit ein Kind, dass zu Hause die tamilische Kultur erfährt und in der Schule unsere westliche. Schwer, oder? Deva berichtet genau von diesem Zwiespalt, von diesem „Zwischen zwei Welten und Kulturen“ stehen und davon wie sehr sich dies auf die eigene Psyche auswirkt. Vor Allem davon, wie sehr sich der tamilische Erziehungsstil auf die eigene Psyche auswirkt.

„Geld und Ruhm führen zu Einseitigkeit, während Liebe einen Menschen in seiner Gesamtheit reich machen kann.“ (S. 19)

Er zeigt auf, wie schwer es ist, aus diesem „Glashaus“ auszubrechen, sein Ding zu machen, den Mut zu haben, sich auch mal gegen die negativeren Seiten einer Kultur zustellen. Sich aus beiden Kulturen die positiven Seiten anzueignen. Er berichtet dabei vollkommen ehrlich, offen und frei auch von persönlichen Erlebnissen. Und er zeigt auf, wie hilfreich und wichtig es sein kann, sich professionelle Hilfe zu holen. Das man sich dessen nicht schämen muss. Er plädiert immer wieder, zu reflektieren, zu hinterfragen, nicht alles einfach hinzunehmen.

Für Betroffene, die ebenfalls zwischen zwei Kulturen leben, ist dieses Buch bestimmt eine wunderbare Stütze, gibt Hoffnung und Mut. Und für alle andern ist es eine Lektüre, voller interessanter und wichtiger Einblick in deren Situation und zu den Hintergründen, die Helfen, noch offener oder überhaupt offen zu werden, zu verstehen und mehr Toleranz zu zeigen. Ein Buch, das in großen Teilen autobiografisch angehaucht ist und sich mehr wie ein Ratgeber und Sachbuch liest. Eines, dass vor allem auch viel auf das Innenleben Betroffener, auf die Auswirkungen auf die eigene Psyche eingeht. Für mich, ein wahnsinnig spannender Einblick, bei dem mich besonders dieser Appell, immer wieder selbst zu reflektieren, beeindruckte.

*Das Buch habe ich von Deva Manick selbst als Rezensionsexemplar erhalten.

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Infos zum Buch

Autor: Devakumaran Manickavasagan (Deva Manick)
Erscheinungsjahr: 2012
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Seiten: 195
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-9611-1260-9
Preis: [D] 11,50 €

Autor:

Devakumaran Manickavasagan (kurz Deva Manick) wurde 1987 in Ratingen geboren. 2009 begann er in Aachen für einige Semester BWL zu studieren. Durch eigene Erfahrungen, den Austausch mit Betroffenen und durch Beobachtungen beschäftigt er sich schon länger mit dem Leben zwischen zwei Kulturen, wovon sein Buch „Im Glashaus“ handelt.