Werbung/Rezensionsexemplare

Seit einigen Tagen läuft das diesjährige Gastlandprojekt zur Frankfurter Buchmesse von Ramona und Ramona. Dieses Jahr ist Georgien das offizielle Gastland. Mehr zum Projekt und die weiteren Teilnehmer findet ihr bei Kielfeder une El Tragalibros in den Startbeiträgen. Ich habe mir zwei Bücher georgischer Autoren herausgesucht, die ich für euch gelesen und rezensiert habe und mich gleichzeitig an einem Lettering der Titel mit dem georgischen Alphabet versucht. (Aktuelle Anmerkung, leider steck ich noch mitten im zweiten, dies wird nachgereicht) Viel Spaß dabei:

Besteseller von Beka Adamaschwili

Bestseller von Beka Adamaschwili (c) Voland & Quist

Bestseller von Beka Adamaschwili (c) Voland & Quist

Pierre Sonnage ist Schriftsteller, aber recht erfolglos. Er sieht seine einzige Chance, zu Ruhm zukommen, im Selbstmord. Kurzerhand springt er in Dubai von einem Wolkenkratzer. Er landet aber nicht im erhofften Bestsellerhimmel, sondern in der eigens für Schriftsteller geschaffenen Literatenhölle. Dort trifft er auf bekannte Autoren wie Dante, Kafka und Hemingway. Doch genießen kann er das nicht, denn er muss sich Aufgaben und Rätseln stellen, die so überfrachtet und verschlüsselt sind, wie seine eigenen Romane.

Was Pierre Sonnage zu Lebzeiten nicht gelang, gelang Beka Adamaschwili, der auch Blogger ist, mit diesem Buch – Bestseller wurde zum Bestseller und ist seit Oktober 2017 auch auf Deutsch erhältlich. Für mich ist dies auch absolut nachvollziehbar. Ein Buch perfekt für Bibliophile wie mich. Aber haltet euch fest, wenn ihr in die knapp 180 Seiten eintaucht, denn es wird eine rasante, verwirrende, irre Fahrt. Mit Logik will die Geschichte nicht auffahren, dafür mit allerlei verqueren Wirrungen und Rätseln, die Pierre mit oder gegen Größen wie Arthur Conan Doyle lösen muss. Ich mochte für allem die Sherlock-Anspielungen dabei (wenn wunderts :D). Beka bringt spielerisch große Weltliteratur unter und hat mich mit seinen Fußnoten absolut begeistert. Aber auch mit seinem gesamten Schreibstil, der stellenweise eventuell etwas makaber, meistenteils schwarzhumorig und immer erfrischend-ironisch war.

Für den Selbstmord schloss er die Benutzung eines Seiles von vornherein aus, da das Seil, welches Pierre in seinem Schrank fand, genauso abgenutzt war wie die Seilmethode selbst. Aus dem selben Grund schied auch die Pistole aus. Erstens würde er schon, bevor er den Abzug gedrückt hatte, tausend Tode sterben. Zweitens war er fest davon überzeugt, dass sein Gehirn nach dem Tod Besseres verdiene, als an einer gewöhnlichen Wand eines gewöhnlichen Zimmers verteilt zu sein. Zum Beispiel, stolz in einem durchsichtigen Glas mit Speziallösung in einer Museumsvitrine ausgestellt zu werden. (S. 17)

Er begeisterte mich tatsächlich schon mit der ersten Seiten, den weitverbreiteten Zitaten vor einem Buch, die zeigen, das sich Beka selbst auch nicht so ganz ernst nimmt:

Und auch die ganze Geschichte ist nicht dazu gedacht, sonderlich vernünftig oder logisch zu sein. Aber eins macht sie: Spaß! Dennoch steckt einiges hinter diesen wenigen Seiten. Wenn man ganz genau aufpasst, erkennt man sogar, dass der Plot sogar ziemlich ausgetüftelt und vollkommen logisch ist, man muss es nur erst mal kapieren und gemeinsam mit Pierre Sonnage Rätsel und Aufgaben lösen. Neben Witz steckt also auch noch viel Intelligenz in Bestseller. Statt ellenlanger Beschreibungen stolpern wir mir Pierre einfach kopfüber voran. Beschreibungen, so erklärt uns Beka Adamaschwili in einer Fußnote, findet er eh meist störend und überflüssig, er sagt einfach klar, was Pierre da gerade sieht. Insgesamt feiere ich gerade seine Fußnoten sehr, die teilweise herrlich unverschämt große Literaten der Weltliteratur aufs Korn nehmen, wie beispielsweise Poe und sein Nevermore. Auch die Illustrationen untermalen das Ganze noch mal grandios, ebenso der Aufbau der Literatenhölle, den ihr auch als Illustration im Buch versteckt findet.

Ein weiteres Highlight ist für mich übrigens auch das Konzept der Literatenhölle. Das Stilmittel, mit dem der jeweilige Schriftsteller seine Leser am meisten ärgerte, ist auch das, was ihnen in der Literatenhölle als Aufgabe erwartet.

Ein Buch, das ich selbst nicht zu ernst nimmt und vor allem durch seine spritzige selbstironische Art überzeugt.

So (oder so ähnlich :D) sieht der Titel übrigens im georgischen Alphabet aus:

Beka Adamaschwili - Bestseller auf georgisch

Beka Adamaschwili – Bestseller auf georgisch

Infos zum Buch

Verlag: Voland und Quist

Erscheinungsjahr: 2017

Seiten: 176

Genre: Roman

Übersetzung: Sybilla Heinze

Format: Gebunden

ISBN: 978-3-863911-83-6

Preis: [D] 18,00 €

Der Korb von Ota Tschiladze

Der Korb von Ota Tschiladse (c) Matthes & Seitz

Der Korb von Ota Tschiladse (c) Matthes & Seitz

Es beginnt alles bei einem Hirten, heimisch in der trügerischen Idylle im Kaukasus an einem Berghang. Denn er weiß, während er seiner Arbeit nachgeht, vergnügt sich der russische Chef des Militärpostens mit seiner Frau. Eigentlich geht der Beginn von Georgiens Geschichte und auch von „Der Korb“ sogar noch früher los und macht einen Abstecher zur Geschichte bis zurück zu Alexander dem Großen. Doch der Hauptteil des Buches dreht sich um die Kaschelis. Und beginnt bei besagtem Hirten. Um die Ehre seiner Familie zu retten, erschlägt er eines Tages erst seine Frau und ersticht anschließend sich selbst. Doch er ahnt nicht, dass er nicht nur nicht seine Ehre rettet, sondern auch noch ein Ungeheuer zutage befördert, dass über Generationen hinweg die Geschicke Georgiens bestimmt.

Denn der damals zweijährige Sohn ist unfreiwilliger, aufmerksamer Zeuge dieser Szenen. Vom russischen Militärbesuch über den Mord und Selbstmord durch den Hirten. Der Sohn wächst zu einem grausamen Gewalttäter heran – dem ersten Rashden Kascheli. Er ist der Stammvater einer neuen Gattung, die Georgiens Geschichte auf blutige Art und Weise weiter schreibt. Angefangen bei der Vernichtung der georgischen Republik über die Sowjetisierung des Landes bis hin zu Schauprozessen und Intelligenzermorden.

Noch in der Gegenwart fasziniert Rashden Kascheli junge Aufmüpfige, in der er sie in einer inzestgleichen Beziehung innerhalb der für Otar Tschiladse typischen Großfamilie fesselt. Was den nächsten Mord zur Folge hat oder doch nicht? Denn der Leichnam fehlt und man weiß nicht, was Realität und was Traum oder Fantasie sind. Der Täter sühnt im Abchasienkrieg. Am Schluss klärt sich scheinbar auf, wer nun der Mörder ist, aber ob das jetzt real ist oder etwas ganz anderes, vermag nur Tschiladse zu wissen.

Otar Tschiladse nimmt uns mit auf eine vollkommen verwirrende, hin und her schwenkende, verschachtelte Reise, die das Leiden, die Geschichte, die Selbstfindung und die Seele Georgiens mal kurz anreist, mal tiefer gehend analysiert. Es zeigt die ständigen Kämpfe des Landes, dass laut Tschiladse schon seit dem Mittelalter praktisch nicht mehr es selbst ist und später besonders lange von den Russen beherrscht wird, bis zum Ende der Sowjetunion. Wie ich es bisher gelesen habe, hatte sich Tschiladse zu seinen Lebzeiten stets für die Unabhängigkeit Georgiens und dessen Rückbesinnung zur eigenen Kultur und auf die eigene Geschichte eingesetzt. Das finde ich merkt man das ganze Buch hinweg durch die flammende Leidenschaft, mit der die Geschichte erzählt wird.

Was es für mich aber auch echt richtig schwer lesbar machte. Es ist definitiv kein Buch für zwischendurch und schon gar keine leichte Kost! Es ist keine „Erholung“, sondern ein harter Brocken, der mich schier zum Verzweifeln brachte, weil ich stellenweise nichts kapiert habe. Auch nach Beenden des Buches verstehe ich teilweise nur Bahnhof. Wer also gar nichts über die Geschichte Georgiens weiß, der wird es vermutlich wie ich sehr schwer haben, schlau aus „Der Korb“ zu werden.

Dennoch hat mich das Buch nicht losgelassen. Tschiladses Schreibe ist wirr, schwer verdaulich und holprig (oder auch die Übersetzung, dass kann ich schwer beurteilen). Aber voller Leidenschaft und irgendwie energetisch. Was mich durchhalten lies und irgendwie faszinierte. Ich kann es gar nicht genau beschreiben. Mittlerweile habe ich mich etwas mehr in die Geschichte Georgiens eingelesen und verstehe mehr und mehr von dem, was „Der Korb“ widerspiegelt. Alles in allem ist das Buch also zwar harte Kost, aber eine, die neugierig auf dieses Land und dessen zerüttelte, schwere Geschichte macht. Der Korb war Otar Tschiladses letzter Roman und zeichnet ein Zeitbild des im Umbruch befindlichen Georgiens, dass sich nach der Loslösung vom Imperium erst einmal selbst finden muss.

Hier wieder der (klägliche) Versuch, den Titel auf georgisch zu schreiben 😀

Der Korb von Otar Chiladze auf georgisch

Der Korb von Otar Chiladze auf georgisch

Infos zum Buch

Verlag: Matthes & Seitz

Erscheinungsjahr: 2018 (deutsche Übersetzung)

Seiten: 464

Genre: Roman

Übersetzung: Kristiane Lichtenfeld

Format: Gebunden

ISBN: 978-3-95757-531-9

Preis: [D] 30,00 €