Triggerwarnung: Rassismus, Todesstrafe

Wir befinden uns in Louisiana, an einem Tag im Jahre 1943. Die „Garstige Gertie“ oder auch „Mercy Seat“, ein elektrischer Stuhl, wird in die kleine Stadt St. Martinsville im Herzen Louisianas gebracht. Denn den Stuhl zum Verurteilten zu bringen war kostengünstiger und weniger aufwendig. Und die Hinrichtung konnte noch dazu direkt im Ort des Verbrechens stattfinden. Super, für die Schaulustigen. Der Stuhl ist dieses Mal für die geplante Hinrichtung des jungen Schwarzen namens Will. Er soll Grace, ein junges Weißes Mädchen vergewaltigt haben, die sich daraufhin umbrachte. Doch alle wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist. Doch weiße Wutbürger drohen dem zweifelnden Staatsanwalt damit, seinen Sohn zu entführen.

„Mercy Seat“ spielt an einem einzigen, dichten, tropisch-heißen Tag in Südstaatenstädtchen St. Martinsville. Rassismus ist hier noch immer präsent, ein Mitglied des Ku-Klux-Klans als Nachbarn zu haben, ist keine Seltenheit. Die Trennung zwischen Schwarz und Weiß ist hier noch immer an der Tagesordnung. Umso mehr zweifelt man das Urteil vom ersten Satz weg an. Spätestens bei der ersten Begegnung in der Zelle von Will ist man sich sicher. Für ihn war es Liebe, für Grace auch. Doch sie kann ihm nicht mehr helfen. Und Grace war die Tochter eines Ku-Klux-Klan Mitgliedes. Wer hier die Strippen in der Hand hat und seine Macht über den Ort ausübt, ist schnell klar und umso mehr Bauchschmerzen und Wut stauten sich bei mir an. Will ist ein noch junger Erwachsener, hat sein ganzes Leben vor sich und ist nun unter fadenscheinigen, skandalösen, widerlichen Umständen zum Tode verurteilt worden.

Elizabeth H. Winthrop nimmt uns mit in diesen schwülen Tag auf eine multiperspektivische Achterbahn der Gefühle. Wir lernen etwa neun verschiedene Protagonisten kennen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben und deren einzelne Geschichten und Schicksale am Ende doch zu einem großen Ganzen werden. Von Familien, die um verlorene Söhne im Zweiten Weltkrieg trauern. Familien, in denen zwei vollkommen gegenseitige Ansichten und Standpunkte herrschen. Von Dorfbewohnern, Pfarrern, Staatsanwälten, die dem Urteil entweder kritisch oder voller Vorfreude entgegensehen. Von einem Vater, der mit einem Maulesel versucht, den Grabstein seines Sohnes rechtzeitig zur Stadt zu bringen, um ihn noch ein letztes Mal sehen zu können und Abschied zu nehmen.

Ein Buch, das voll ist mit wichtigen, schweren Themen wie Rassismus, Tod, Trauer, Alkoholismus, Krieg und atmosphärisch, unter die Haut gehend, bedrückend erzählt ist. Ich traute mich bald schon kaum noch umzublättern. Denn schnell ist klar, worauf die Geschichte hinausläuft, schon der Klappentext sagt es ja. Winthrop legt nicht nur die Nerven dieser Kleinstadt frei, sondern auch meine eigenen. Eine Geschichte, die Minute für Minute dem Ende näher rückt. Dem Ende von Buch und Wills Leben und man ist genauso machtlos, wie Will und seine Familie. Eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert und dadurch nur noch schwerer zu verdauen ist. Ich habe Tage gebraucht, um diese letzten Stunden des jungen Wills verarbeiten zu können und ganz besonders, um die letzten Minuten, den Zeitpunkt der Hinrichtung, zu verkraften. Wer sich mit solchen Dingen schwertut, sollte lieber die Finger davon lassen. Denn Winthrop verschönt nichts, ist brutal, hart und anschaulich in ihrem Schreibstil und Szenenbeschreibungen. Und so auch am Ende, bei der Ausführung des Urteils. Was dann passierte, raubte mir schier den Atem und kann und sollte hier nicht wider gegeben, sondern von euch selbst erlesen werden.

Infos zum Buch

Verlag: C.H. Beck

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 251

Genre: Roman

Format: Hardcover mit Schutzumschlag

Übersetzung: Hansjörg Schertenleib

ISBN: 978-3-406-71904-2

Preis: [D] 22,00 €

Weitere Rezensionen:

Kejas Buchblog (hat das Buch als Wanderbuch zu mir gesendet. Weitere Rezensionen der anderen folgen)

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