She read books as one would breath air, to fill upd and live - Annie Dillard
Startseite » Rezensionen/Reviews » Der Platz an der Sonne von Christian Torkler

Der Platz an der Sonne von Christian Torkler

von Franzi S.
0 Kommentar 377 views
Werbung/Rezensionsexemplar

Wir befinden uns in Berlin, 1978. Berlin ist hier die Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik und liegt in Trümmern. Kinder klauen Kohlen und in der Politik gibt sich ein Halunke nach dem anderen die Klinke in die Hand. In diesem Szenario entfaltet sich die Lebensgeschichte von Josua Brenner. Ein Tausendsassa, wagemutig und nicht so leicht unterzukriegen. Als ihn die Ereignisse dann doch überrollen, scheint eine Flucht ins reiche Afrika plötzlich real.

Das Leben der kleinen Leute

Josua Brenner wächst ohne Vater auf, in einer armen Familie im zerbombten Berlin. Hier fährt er Suppe aus, verschachert und kauft Dinge auf dem Schwarzmarkt und holt sich Lebensratschläge bei Opa Lampbrecht. Es scheint eine Weile, als hätte er die Nase vorn, würde es schaffen, trotz der Umstände etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Die Umstände sind ihm gewogen und seiner Familie und seiner Geschäftsidee geht es gut, egal wie schwer die Strippenzieher der Neuen Preußischen Republik es ihm machen. Denn Josua gibt nicht auf und sein unbezwingbarer Wille treibt ihm immer wieder von vorne an. Erst, als alles zerbrochen ist, bricht er auf in Richtung Süden, hin zum reichen Afrika, mit nur einem Ziel: Ein besseres Leben in einer besseren Welt.

Reich = Arm einmal umgedreht

Die Idee, die hinter „Der Platz an der Sonne“ steckt, gefällt mir im Grunde gut. Es gibt hier keine EU, sondern die Afrikanische Union. Afrika ist hier der reiche Kontinent, das Ziel, um als Kriegs- und Wirtschaftsflüchtling ein neues, vermeintlich besseres Leben zu beginnen. Deutschland hat sich von den verschiedenen Kriegern (nach dem Zweiten Weltkrieg ging es immer mal weiter) nie wieder erholt, die Hauptstadt Berlin liegt in Trümmern, das Land ist gespalten. Irgendwie eine Mischung aus DDR und Nachkriegsdeutschland. Das irgendwie wird aber leider viel zu wenig aufgeklärt. Die Idee dahinter und wie das ganze nun genau aufgebaut ist, kaum näher erklärt und beleuchtet. Denn das Buch ist eine Ich-Erzähler-Geschichte von Jousa Brenner. Die zwar seine Lebensgeschichte und beispielsweise seinen Kampf mit den Behörden von Pontius zu Pilatus a la Passierschein A38 bis ins winzigste winzigste Detail über mehr als 600 Seiten vor der Flucht darstellt, aber den Rest dadurch etwas außen vor lässt. So wird die Geschichte leider auch sehr lang und verliert etwas am Reiz, den die Idee und Josua Brenners Lebensweg ausmacht.

Der Platz an der Sonne von Christian Torkler (c) Klett Cotta

Zu viel Länge und Klischee-Keule

Im ganzen erste Teil des Buches lernen wir Josua Brenner, sein Leben und seine Familie kennen. Und detailreicher geht es kaum. Nur hier und da erfahren wir Bruchstücke zur Welt, in der er lebt. Meist eben eher Nachkriegs mäßig oder ein Hauch DDR. So richtig greifen kann man das Szenario nicht, da ganz klar die Lebensgeschichte Josua Brenners im Vordergrund steht. Der erzählt wenigstens in einem angenehmen, leicht amüsanten Plauderton, der mich am Ball blieben ließ und auch über die ein oder andere Länge etwas hinweghalf.

Wir erleben jedes Hoch und jedes Tief und seine Klischee-mäßige Welt, was das Frauenbild angeht. Es mag sein, dass es Bestandteil der Welt ist, dass wir hier im Frauenbild Jahrzehnte zurückhängen – mehr als die nörgelnde Ehefrau oder Nachrkiegsmütter, die ihre Kinder alleine über die Runden kriegen müssen, aber eigentlich keinen Stand in der Welt bekommen, gibt es hier nicht. Die Welt ist geprägt von Männer – den armen Schluckern und den machtgierigen und geldgeilen Politikern und Wirtschaftsbossen. Doch – warum? Wenn ich so ne Welt erschaffe, könnt ich den Frauen auch irgendwie einen anderen Stand geben. Potenzial dafür wäre in jedem Fall vorhanden gewesen.

Christian Torkler versucht auf jeden Fall, uns sein „Dritte-Welt-Deutschland“ bzw. Europa zu erklären, bei manchen mag es auch als rundes, verständliches Bild angekommen sein. Er erklärt es aber meist nur in einem versteckten Halbsatz, mal hier ein Wort, da ein Wort. Mit der wahnsinnigen Fülle an Details im ersten Teil des Buches ging es für mich zu sehr unter und blieb für mich daher schwer greifbar.

Flucht und Migration im vertauschten Blickwinkel

Der zweite Teil des Buches schildert dann Josua Brenners Weg in den Süden. Seine lange Flucht, auf der er nur von dem guten Willen wildfremder Menschen abhängig ist und schnell auch in die nächste Falle rennen kann. Denn Nachrichten oder Medien irgendeiner anderen Art – die gibt es in der Form wie heute nicht, du kannst nur das glauben, was Freunde, Bekannte und Fremde dir erzählen. Ob du an den richtigen Ansprechpartner gerätst, das weißt du nicht. Ob du Leben weiterkommst, dass weiß man erst recht nicht. Und so begleiten wir Josua Brenner auf seiner gefährlichen Reise, mit Schleuserbanden über Berge und auf zu kleinen Booten für zu viel Menschen auf dem Meer. Das, was an so vielen Orten dieser Welt leider absolute Realität ist.

Der Unterschied – Christian Torkler dreht den Blickwinkel um und schickt uns Mitteleuropäer auf diese gefährliche Flucht. Dieses Szenario ist beängstigend und zeigt, dass es auch so leicht anders hätte kommen können, dass es immer anders kommen kann und wir hier einfach verdammtes Glück haben, mit dem Land, der EU. Viele Nörgler und Schimpfer sollten Bücher dieser Art daher auf jeden Fall mal Lesen und sich einmal klar machen, wie gut wir es hier im Vergleich zu anderen Ländern und Menschen haben. Das macht „Der Platz an der Sonne“ zwar zu einem sehr langwierigen Buch, dennoch ist es ein Buch, dass ein wichtiges Szenario darstellt und das eigene Weltbild noch einmal in ein neues Licht bringt und dieses hinterfragen lässt.

Infos zum Buch

Autor: Christian Torkler

Year: 2018

Verlag: Klett Cotta

Seiten: 592

Genre: Gegenwartsliteratur, Roman

Format: Hardcover mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-608-96290-

Kaufen?

Weitere Rezensionen:

0 Kommentar
0

Das könnte dir auch gefallen

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Hier gibts Lovely Kekse. Und zwar für Piwik und Analytics. Beides verschlüsselt Eure Daten und sie werden nach 28 Tagen gelöscht. Ihr könnte aber auch im Datenschutz für beides widersprechen oder es hier akzeptieren. Klar doch Ich will mehr wissen