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Die Schulter des Riesen von Raffael Rauhenberg

von Franzi S.
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Werbung/Rezensionsexemplar
Triggerwarnung: Das Buch beinhaltet Themen wie Alkoholismus, Drogenkonsum, Obdachlosigkeit, Armut, Sexuelle Übergriffe (keine konkreten Szenen, aber einige Andeutungen)

Gregor Bach ist Silberschmied. Er liebt schöne Dinge und empfindet Verachtung für jene, die es im Leben nicht geschafft haben. Eines Tages kommt er nach Hause, und findet eine Obdachlose, einen Junkie, vor, die seine beiden kleinen Jungs mit in die Wohnung gelassen haben, um ihr etwas zu Essen zu geben. Er sieht nur noch rot und schleift sie brutal aus der Wohnung heraus. Ein Moment, der eine Kettenreaktion an Ereignissen auslöst und sein Schicksal neu schreibt.

Verwöhnt vom Luxus und plötzlich ist da nichts mehr

Raffael Rauhenberg lässt uns Gregor Bach durch einige rasante Monate seines Lebens begleiten. Bach, der ein gutes Leben führt, schöne Dinge mag, keine Sorgen hat. Bis von einem Tag auf den anderen seinen Leben plötzlich bergab geht, bis er plötzlich vor dem Nichts steht und einer von denen wird, die er selbst immer so sehr verachtet hat. Wir blicken über seine Schulter, während seine Existenz vernichtet wird und fühlen richtig mit, wie das Lebensfeuer immer mehr verlischt und die Verzweiflung und das Elend einzieht. Ein Buch, in dem der Protagonist zugleich sein eigener Antagonist ist. Beide Varianten von ihm konnte ich nicht wirklich leiden, aber, ich glaube, er ist auch nicht wirklich dazu erschaffen worden, um ihn super sympathisch zu finden, weil es um viel mehr geht.

Aus meiner Perspektive, die, trotz allem was im Leben so passiert, eine äußerst privilegierte Perspektive ist, scheinen viele Taten und Reaktionen abosolut unverständlich und unrealistisch. Aber, ich kann mir dennoch vorstellen, dass das Handeln aus Gregors Sicht vollkommen logisch und nicht anders möglich ist. Ich war häufig stinksauer auf ihn, konnte nur den Kopf schütteln, dennoch scheint es realistisch, wie sich die unaufhaltsame Abwärtsspirale in seinem Leben dreht und er im Gegenzug darauf reagiert. Ab und an blitze dann, im mitten seines Elends, doch auch tatsächlich noch der ein oder andere menschliche Zug bei ihm auf, den ich mir vorher so gar nicht bei ihm denken konnte.

Sozialkritisches, wortgewaltiges Werk, das manchmal etwas erschlägt

Raffael Rauhenberg schreibt wahnsinnig wortgewaltig, mit vielen bildlichen Vergleichen, die mir an manchen Stellen aber etwas zu viel waren und die Handlung hier und da eher bremsten, als vorantrieben. Dennoch konnte er mich im Großen und Ganzen mit seiner Art zu Schreiben überzeugen und erschuf vor allem ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Ja nicht nur dass, eines, dass einem kalte Schauer über den Rücken laufen lässt, sozialkritisch ist und einen vieles hinterfragen lässt, inklusive der eigenen Einstellung und des eigenen Handelns.

Das Ganze zeichnet er teilweise sehr realitätsnah, aber er zeichnet auch einiges sehr deutlich und auf die Spitze getrieben. So, wie man dem Schein nicht immer glauben kann, so ist bestimmt auch in dieser Geschichte einiges zum Zweckes des „Augen Öffnens“ und „Wachrüttelns“ überzogen dargestellt und auch vermutlich durch seine schöpferischen Freiheit mitgetragen. Dennoch macht es das Buch deswegen nicht unglaubwürdig, sondern dieses „Hau drauf“ und schonungslose Vorhalten ungeschönter Szenen ist gerade das, was einem so sehr zum Nachdenken anregt. Man sollte nur eben dennoch im Hinterkopf haben, dass es im Grunde eine fiktive Geschichte ist, die überzogen widerspiegelt, wie schnell sich das eigene Leben verändern kann und was mit einem Menschen passieren kann, wenn er plötzlich vor der Existenzlosigkeit steht.

Was ich aber so gar nicht verstehen konnte, war die Reaktion seiner Freunde und Familie. Ja, ich glaube, es war bewusst so gewählt, um diesen Fall und seine Konsequenzen einfach noch krasser und härter mit noch mehr „denk mal nach“-Mentalität anzureichern. Dennoch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es Freunde und Familien gibt, die sich so schnell so vollkommen abwenden. Die Familien und Geschichten mancher Personen, die er trifft, erschienen mir da (leider) schon realer. Aber, wenn ich zwei Kinder mit jemanden habe, mit jemandem Jahre verbracht habe, dann würde ich ihn ja nicht bis zum Boden fallen lassen, egal, was für einen riesige Scheiße derjenige gebaut hat. Ich kann aber auch verstehen, warum er die Geschichte so erzählt hat.

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Infos zum Buch

Verlag: Selbstverlegt

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 392

Genre: Roman

Autor: Raffael Rauhenberg

Format: Taschenbuch

ISBN: 978-3-7448-9343-5

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