Sie mich an von Mareike Krügel (c) Piper

Katharina ist Mutter zweier Kinder. Alex der schon langsam erwachsen wird, seine erste Freundin hat, Musical-Darsteller werden möchte und ansonsten eher ruhig ist. Und Helli, die ganz am Anfang der Pubertät steht, ziemlich wahrscheinlich ADHS hat, laut, hibbelig, anstrengend, die sich absichtlich Nasenbluten verursacht und damit die Schule dekoriert, aber äußerst sympathisch ist. Sie hat einen Mann, der allerdings berufsbedingt in Berlin ist und somit rund 3 Stunden entfernt, weshalb sie eine Zwangs-Fernbeziehung führen müssen.

Und so lernen wir Katharina kennen. An einem Tag in ihrem turbulenten, chaotischen Leben zwischen Musiklehrerin für Kindergartenkinder, hilfsbereiter Nachbarin, SMS von Costas, ihrem Mann und dem verzweifelten Versuch jeden Katastrophen-Herd rechtzeitig zu erreichen und zu löschen. Und dann ist da noch dieses Etwas in der Brust. Eines, dass sie erst einmal links liegen lässt, denn..

„Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch so ungeklärt sind.“ (S. 52)

Doch eigentlich weiß sie noch gar nicht, ob es denn wirklich so schlimm ist oder vielleicht ja doch ganz harmlos. Aufgrund von falschen Lektüren und familiärer Vorbelastung ist sie fest überzeugt, schon zu wissen, was der Arzt ihr sagen wird. Der Arzt, denn sie am Montag ganz bestimmt besuchen oder den sie zumindest anrufen wird.

Und so erzählt sie erst einmal niemanden davon und wir lernen sie am Freitag vor besagtem Vorhaben kennen. Ein Freitag, der sich über die 256 Seiten erstreckt und dabei aber in keinster weise langweilig daher kommt. Im Gegenteil! Mit schier atemberaubenden Tempo treibt uns Mareike Krügel durch diesen verrückten, chaotischen, aber wohl recht alltäglichen Freitag in Katharinas Leben. Von Kindern, die aus der Schule geholt werden müssen und zum Reitunterricht wollen, über das Kennen lernen der ersten Freundin des Sohnes. Von qualmenden Trocknern, abgetrennten Daumen des Nachbarn bis hin zu einer eher kriselnden Ehe und dem Besuch des alten Studienfreundes. Gekrönt durch einen Roadtrip gegen Ende mit einer kinoreifen Szene. Zuflucht und etwas Ruhe findet sie scheinbar nur in ihrem Notizbuch, mit ihren Listen, die ihr etwas Organisation geben. In all dem Chaos reflektiert sie ihr bisheriges Leben und ihre Ehe. Ein Leben, in dem sie überhaupt nicht da gelandet ist, wo sie sein wollte, mit der Doktorarbeit, die seit Jahren in der Schublade schlummert. Und sie denkt zurück an die Vergangenheit. Rückblenden, die uns einen tiefen Einblick in Katharinas Leben gewähren.

Allerhand los in Kathis Leben. Und so wird einem auch beim Lesen niemals langweilig. Mit spritzigem, teilweise trockenem Humor, einem lockeren, angenehmen Schreibstil aber auch Tiefgang, bereitete mir Mareike Krügel viel Lesespaß und mal wieder eine erfrischend neue Lektüre. Zwar gibt es etwas Abzug, da mir die Szene in Berlin gegen Ende doch zu viel war, das ganze vielleicht einen Tick überzogen ist und ich nicht ganz zufrieden mit dem Ende bin. Dennoch kann sie mich mit dieser rasanten, authentischen Geschichte überzeugen.

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Infos zum Buch

 

Autorin: Mareike Krügel
Verlag: Piper
Seiten: 256
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 1.8.2017

Meine Wertung: 4 von 5 Sternen
Format: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-492-05855-1
Preis: 20,00 [D]; 20,60 [AT]

Autorin:

Mareike Krügel wurde 1977 in Kiel geboren. Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte, seit 2003, bereits vier Romane. Heute lebt sie in Schleswig. Sie erhielt zahlreiche Stipendien, unter indem in der Villa Decius in Krakau. Außerdem ist sie Mitglied im PEN Deutschland. 2003 bekam sie den Förderpreis der Stadt Hamburg und wurde 2006 mit dem Friedrich-Hebbel-Preis ausgezeichnet.