She read books as one would breath air, to fill upd and live - Annie Dillard
Startseite » Rezensionen/Reviews » Troll von Michal Hvorecky

Troll von Michal Hvorecky

von Franzi S.
4 Kommentare 614 views
Werbung/Rezensionsexemplar

Michael Hvorecky nimmt uns mit nach Osteuropa in einer nahen Zukunft. Hier beherrscht ein ganzes Heer aus Trollen das Internet. Sie kommentieren und hetzten – 24/7! Sie beherrschen Kommentare und Foren, ja setzten sogar gefakte Blogs ins Internet, machen andere fertig, verbreiten Unmengen an Fake-News, zerstören ganze Existenzen. Zwei Freunde haben immer mehr Zweifel an diesem ganzen System und beschließen, es von innen heraus zu zerstören. Gemeinsam wollen sie Fake-News und Hetze ein Ende setzten, indem sie selbst zu Trollen werden. Doch dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.

Private Trolle oder von der Politik gemacht?

Eine ganze Woche habe ich das Buch jetzt ruhen lassen. Noch immer weiß ich nicht so richtig, ob ich es gut oder schlecht fand. Ob ich es empfehlen möchte oder nicht. So viel vorweg – es ist eine wahnsinnig interessante Grundidee, in naher Zukunft und erschreckend nah an realen Gegebenheiten dran. Wer aktuelle Nachrichten, Fake News wie von Trump und Co. und Kommentare in Social Media kennt, der weiß, was für Trolle auch jetzt schon da draußen ihre Hetze betreiben. Bei Michal Hvoreckys Trollen handelt es sich aber mehr von Politik und Machtgierigen gemachten Trollen, nicht um private Arsch…ihr wisst.

Wir sind in einer Diktatur, in Osteuropa, die EU ist seit einer Weile Geschichte. Das Land, in dem wir mit dem namenlosen Erzähler sind, befindet sich in der sogenannten Festung Europa. Angeführt von Anführervater und Anführersohn, umgeben von einer Mauer, mit Lagern, in denen Leute verschwinden, die der Regierung nicht passen und die ihren Mund aufmachen. Alles Sachen, die es schon mal gab, die es auch jetzt gibt. Das Internet ist übervoll mit Hetze und Fake-News, in wenigen Sekunden wird aus einem harmlosen Bild eine Fotomontage, die Existenzen zerstört. Dieses erschreckend reale Bild hat mir gut gefallen. Auch die Idee, dass sich zwei Freunde, der namenlose Erzähler und Johanna, gegen das System von innen heraus stellen wollen, reizte mich von Beginn an.

Troll von Michal Hvorecky (c) Tropen - Klett Cotta

Zu viele Nichtigkeiten, zu viel Vorgeplänkel

Doch die Umsetzung, die macht mir nach wie vor Bauchschmerzen. Noch immer bin ich nicht so richtig überzeugt, aber irgendwie auch doch und, ja ich kanns gar nicht richtig beschreiben. Das Buch ist so zwiegespalten. Einerseits total schockierend und rasant. Andererseits aber doch wieder mit zu vielen Nichtigkeiten und Vorgeplänkel gefüllt.

Es beginnt in Teil eins mit der Schilderung der Kindheit des namenlosen Erzählers und der Umstände, in denen sich das Land befindet. Das war erst interessant, artete aber schnell in zu viel des Guten aus. Es zieht sich einfach zu lange hin, wir begleiten ihn durch Kinderkrankheiten, erleben ein Gejammer auf Impfgegner und Homöopathie-Fans und seinen jahrelangen Aufenthalt im Krankenhaus, wo er schließlich Johanna trifft. In Teil zwei landen wir dann mit ihm im Büro, in dem er seine komplette Lebenszeit mit Johanna beim Trolling verbringt. Von dem Plan, den die beiden hatten, liest man kaum noch was, Details dazu bekommen wir eh nie.

Wir erleben mehrfach mit, wie in wenigen Sekunden ein ganzes Leben durch Trolling zerstört werden kann und wie leicht es eigentlich geht, weil einfach zu viele Menschen irgendeinen Mist glauben, der einen vor die Füße gespuckt wird. Doch für mich haben wir es ein bisschen zu oft wiederholt erlebt, zu wenig von dem mitbekommen, um was es gehen sollte – wie der namenlose Erzähler und seine Freundin von innen heraus gegen die Trolle vorgehen. Kurzzeitig denkt man eher, sie sind jetzt wirklich selbst einer, wie sie viel zu oft selbst über Grenzen gehen – ist es wirklich notwendig, so sehr mitzuhelfen, nur um das System zu zerstören? Vermutlich, aber vielleicht auch nicht, ich kann es nicht einschätzen.

Mir kam das Ganze auf jeden Fall zu Kurz, während seine Kindheitsleidens-Geschichte zu langwierig war, gings dann hinten rasant, aber mit den falschen Details, wie ich finde. Der Faden verlor sich für meinen Geschmack etwas und einen Teil des Endes fand ich äußerst fragwürdig.

Weitere Rezensionen:

Infos zum Buch

Verlag: Tropen – Klett Cotta

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 215

Genre: Dystopie

Originaltitel: Trol

Autor: Michael Hvorecky

Format: Gebunden

ISBN: 978-3-608-50411-8

Kaufen?


4 Kommentare
0

Das könnte dir auch gefallen

4
Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar Themen
3 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
  Abonnieren  
neueste älteste
Benachrichtige mich bei

Huhu Franzi, ich habe bereits hier und da Stimmen zum Buch vernommen, wobei diese begeisterter waren als deine. Interessant nun ganz andere Eindrücke zum Buch zu bekommen und ich bin unsicher ob es mir ebenso wie dir gehen würde. Dies sind Bücher die man dann doch nicht einfach vergisst, weil man eben so hin und hergerissen ist, kenne das nur zu gut. Eine absolut andere Thematik, aber eben dieses Zerrissen sein hatte ich bei Aichners „Bösland“. Von daher kann ich mich gut in dich hineinversetzen und behalte das buch mal einfach weiter im Auge. Die Frage ist ja immer, was… Weiterlesen »

Hier gibts Lovely Kekse. Und zwar für Piwik und Analytics. Beides verschlüsselt Eure Daten und sie werden nach 28 Tagen gelöscht. Ihr könnte aber auch im Datenschutz für beides widersprechen oder es hier akzeptieren. Klar doch Ich will mehr wissen