She read books as one would breath air, to fill upd and live - Annie Dillard
Startseite » Rezensionen/Reviews » Unterleuten von Juli Zeh

Unterleuten von Juli Zeh

von Franzi S.
1 Kommentar 626 views

Unterleuten, das ist ein idyllisches Dörfchen irgendwo in Brandenburg. Wundervolle Landschaft, Nachbargemeinden mit altertümlichen Dorfnamen, schrullige, teilweise liebenswertige Charaktere, die die Dorfgemeinschaft zu etwas besonderem machen und sie prägen. Ein Ort, an dem die Großstädter aus Berlin gerne ein Häuschen zum Aussteigen kaufen, inmitten von Wald und Naturschutzgebiet mit seltenen Vogelarten.

Idyllisches Dorfleben – von wegen

Doch die Idylle trügt. Spätestens, wenn die Großstädter in sämtliche Dorf-Fettnäpfchen treten und der baldige Streit um Windkraftanlage pro oder contra alte Wunden und Konflikte von Wendegewinnern und -verlieren aufreißt. Unterleuten, das ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft, ein buntes Potpourri an Persönlichkeiten, Familienidylle, Harmonie trifft auf Streit, Konflikte und fast schon wie ein Thriller anmutende Verstrickungen und Streitigkeiten.

Juli Zeh hat mit Unterleuten ein fiktives Dorf entworfen, das doch genau so existieren könnte. Gebeutelt von Politik, die Wende mehr oder weniger überlebt, schwellen dort schon seit Jahren mal mehr oder weniger offene Konflikte zwischen Gewinnern und Verlieren, zwischen Kommunisten und Regimegegnern. Die Alteingesessenen, die das alles erlebten vs. die neue Generation, deren Kinder und Zugezogene. Interessen, die aufeinanderprallen und kaum vereinbar scheinen.

Dorfleben, da denken viele an ein ruhiges, vor sich hinplätscherndes Leben, wo die Zeit stillsteht und nichts passiert. Doch Juli Zeh zeigt mit ihrem Roman, dass dieser Schein trügt. Denn alleine das Spannungsfeld der Generationen sorgt für stetige Umbrüche. Der Streit um die Windkraftanlage bringt dann erst Recht die Steine ins Rollen, bis sie zu einer wahren Lawine an alten Konflikten anschwellen.

Ein Potpourri an vielschichtigen, authentischen Charakteren

Haupttragende dieser Spannung sind zum Beispiel zugezogene wie Gerhard Fließ, Weltenverbesserer und gescheiterter Akademiker mit jüngerer Freundin, die einst seine Studentin war. Das erste Kind ist bereits da und gemeinsam wollen sie hier ihr neues Leben starten. Oder Linda Franzen, die Pferdenarrin, die in Unterleuten ihren Traum vom eigenen Gestüt wahrmachen möchte. Mit ihrem doch eher städtischen Lebenspartner, dessen Bruder irgendein Landwirtschaftssimulationsspiel entwarf, Millionen macht und dem er immer hinterherhinkt. Beide sind zugezogen und doch entstehen schon zwischen diesem Vogelschutzbeauftragten und der, die ihr Land für Gestüte erweitern möchte und seine Genehmigung braucht, extreme Spannungen.

Dazu wirft Juli Zeh die Alteingesessenen ein. Wie Kron, Kommunist und LPG-Angestellter, deren Familie auch noch dort wohnt. Die Tochter, die mittlerweile Mann und Kind hat. Kron ist spinne feind mit Gombrowski, der Sohn eines Großgrundbesitzers, dessen Grund verstaatlicht wurde. In kürzester Zeit nach Beendigung seines Studiums ist er damals zum Vorsitzenden geworden. Dank ihm hat die LPG bald schon wieder Gewinne gemacht. Nach der Wende machte er aus ihr die noch heute bestehende, aber in Schwierigkeiten steckende, Ökologica GmbH, die das Dorf mehr oder weniger am Leben hält und vielen aus der Umgebung Arbeit bietet. Kron, der seine Kumpels von damals beim Stammtisch um sich scharrt und gegen Gombrowski hetzt. Der ist, trotz der guten Dinge, die er für Unterleuten erschafft, äußerst unbeliebt und Juli Zeh machte mich schon von Beginn an neugierig darauf, was wohl damals, an einem regnerischen Abend auf der Waldlichtung passierte.

Doch das sind noch längst nicht alle Dorfbewohner, es kommen noch so viele unterschiedlichste Persönlichkeiten zu diesen explosiven Mix hinzu, der für mich das Buch getragen hat und zu dem macht, was es ist. Auch wenn man gerade zu Beginn schnell mal den Faden verliert. Ich kam auf den ersten rund 150 Seiten immer mal wieder durcheinander, wer wer ist und wie zusammengehört. Da half die Karte aber recht gut hinweg, die das Dörfchen aufzeigt und die wichtigsten Bewohner markiert.

Was mir besonders gefällt – keiner dieser Charaktere ist gut oder böse. Jeder ist vielschichtig und äußerst facettenreich. Ich habe mit Spannung die Entwicklungen eines jeden verfolgt, ohne dass ich groß sagen könnte, dass ich einen in Herz schloss oder Sympathien entwickeln konnte. Und selbst wenn dies passierte, konnte es schnell passieren, dass der oder die Protagonist*in eine Entscheidung fällte, die ich nicht gut fand. Oder auch andersherum. So konnte mich Juli Zeh immer wieder überraschen.

So viel mehr als nur ein Dorfroman

Für mich hat Juli Zeh mit Unterleuten so viel mehr als einen Roman über das Leben in einem fiktiven Dorf geschaffen. Sie hat Unterleuten für mich mit all diesen Protagonisten lebendig gemacht. Ich hatte ständig das Gefühl, ich könnte mich jetzt sofort ins Auto setzen und nach Unterleuten fahren. Ein Roman, der viele Fragen und wohl weit verbreiteten Konfliktsituationen der heutigen Zeit aufwirft, aber auch in die Vergangenheit blickt.

Ein Buch über Machtstrukturen, Beziehungen, Vergangenheits- und Konfliktbewältigung und die großen Fragen der Zukunft eines Dorfes, dass ohne weitere finanzielle Unterstützungen nur noch weiter in sich zerfallen wird. Ein Dorf, in dem es mangels finanziellen Mitteln und dem Veto der Alteingesessenen Bewohner nicht mal eine übergreifende Abwasserversorgung gibt, sondern noch der Tanker zu jedem Haus kommt, um Sickergruben zu leeren. Die tatsächlich auch zum Druckmittel im Streit pro oder contra Windpark kommen. Ein Buch, das versucht die Fragen zu beantworten, was uns antreibt, was uns wichtig ist, was unsere Gesellschaft zusammenbringt oder auch auseinandertreibt und welches das Zusammenspiel der verschiedenen Generationen auf wenigen Quadratmetern sehr realistisch und bildlich darstellt.

Für Unterleuten braucht man Zeit und Konzentration, aber es lohnte sich für mich bis zur letzten Seite. Bei solch eher dickeren Büchern habe ich oft mal das Gefühl, dass es an manchen Stellen stagniert, dass manches etwas zu langwierig abgehandelt wird. Juli Zeh hat es mit Unterleuten aber geschafft, mich durchgängig zu unterhalten und es mir ermöglicht, durchweg am Ball zu bleiben. Für mich kam keine Sekunde Langeweile auf und kein einziger Moment, in dem ich dachte: Ne, reicht jetzt. Im Gegenteil, ich war sogar fast ein bisschen traurig, als ich diese teilweise schon schrullige, vielseitige Dorfgemeinschaft verlassen musste. Gezuckert ist das Ganze dann noch mit einem sehr angenehmen, atmosphärischen Schreibstil, der mich tief in diese brandenburgische Schein-Idylle hineinzog und von dem ich noch viel mehr lesen möchte.

Weitere Rezensionen zu Unterleuten:

Die Autorin von Unterleuten:

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren. Sie studierte Jura in Passau und Leipzig. Bereits ihr Debütroman „Adler und Engel“ im Jahr 2001 wurde zu einem Welterfolg. Ihre Romane sind mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt. 2016 kam Unterleuten heraus und stand mehr als ein Jahr auf er Spiegel-Bestsellerliste. Juli Zeh erhielt bereits viele Auszeichnungen für ihr Werk, unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis, dem Hölderlin-Förderpreis, dem Ernst-Toller-Preis, dem Carl-Amery-Literaturpreis, dem Thomas-Mann-Preis, dem Hildegard-von-Bingen-Preis, dem Bruno-Kreisky-Preis sowie dem Bundesverdienstkreuz. Mehr zu Unterleuten findet ihr auf der dazugehörigen Website unterleuten.de  und mehr zu Juli Zeh auf ihrer Website juli-zeh.de.

1 Kommentar
1

Das könnte dir auch gefallen

1
Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
1 Kommentatoren
  Abonnieren  
neueste älteste
Benachrichtige mich bei

Unterleuten habe ich auch vor gar nicht allzulanger Zeit als Hörbuch mir vorlesen lassen und ich war sehr begeistert von diesem Gesellschaftsroman (Nennt man das so?) Für eine Rezension müsste ich das Buch noch mal lesen, weil die Story so vielschichtig ist.
LG
Sabienes

Hier gibts Lovely Kekse. Und zwar für Piwik und Analytics. Beides verschlüsselt Eure Daten und sie werden nach 28 Tagen gelöscht. Ihr könnte aber auch im Datenschutz für beides widersprechen oder es hier akzeptieren. Klar doch Ich will mehr wissen