Veronica decides to die von Paulo Coelho
Triggerwarnung Suizid/Selbstmord

 

WSPD, das steht für den World Suicide Prevention Day, der jedes Jahr am 10.9. stattfindet. Dieses Jahr läuft die aktuelle Kampagne unter dem Motto „Tomorrow needs you“, mehr könnt ihr auf der Kampagnen-Webseite erfahren. Die WHO und ISAP (International Association for Suicide Prevention) haben den Tag zum ersten Mal im Jahr 2003 gerufen. Und seither  ist er jedes Jahr von neuem dazu da, verstärkt auf das Thema Suizid/Selbstmord aufmerksam zu machen. Denn rund eine Million Menschen nehmen sich pro Jahr das Leben.

Gemeinsam mit einige anderen Blogger/Innen und dank der Initiative von Babsi von BlueSiren wollen wir den #WSPD2018 über die ganze Woche hinweg mit verschiedensten Beiträgen auf unseren Blogs und Social Media Kanälen unterstützen. In ihrem Beitrag findet ihr auch alle anderen Seiten verlinkt, die sich an der Aktion beteiligen.

Babsi hatte in einem Brainstorm-Dokument schon mal als Idee gehabt, Bücher zum Thema zu besprechen. Als eines der Beispiele nannte sie Veronika decides to die (Veronika beschließt zu sterben) von Paulo Coelho. Ich wollte aber zunächst schauen, ob ich etwas anderes finde. Aber mir wollte einfach nichts einfallen, denn das Buch lässt mich einfach nicht mehr los. Ich habe es im Frühjahr gelesen und seither spuckt es mir noch immer in Kopf und Herz und muss daher im Rahmen des WSPD unbedingt erwähnt werden.

Veronika ist 24 Jahre alt. Scheinbar hat sie alles, was man sich wünschen kann. Sie ist gesund, hübsch, hat viele, attraktive Freunde, einen guten Job und eine Familie, die sie liebt. Doch trotzdem fehlt ihr etwas. Tief in ihr fühlt sie sich einfach leer und in einem nie-enden-wollenden Strudel vom Alltag gefangen. Alles in ihrem Leben ist doch immer wieder nur das Gleiche, und sobald ihre Jugendlichkeit vorbei ist, geht es doch eh nur noch bergab. Vielleicht heiratet man mal irgendjemanden, bekommt Kinder, wird alt, aber an der Welt und dem, was in ihr alles schief läuft, ändert sich das nie etwas. Man lebt nach sturen Regeln der Gesellschaft. Und deshalb beschließt Veronika zu sterben.

She had overcome her minor defects only to be defeated by matters of fundamental importance. She had managed to appear utterly independent when she was, in fact, desperately in need of company. … She gave all her friends the impression that she was a woman to be envied, and she expended most of her energy in trying to behave in accordance with the image she had created of herself.

Ein Gedanke, den vermutlich weit mehr schon einmal hatten, als man vermutet, vermutlich fast jeder von uns mal, und wenn es „nur“ eine Phase in der Pubertät war. Ein Gedanke, der aber nie banal ist und weggewischt werden kann. Denn nicht jeder denkt es nur. Nicht jeder sieht noch einen Ausweg. Veronika gehört dazu und nimmt eines Abends zu viele Schmerztabletten. Sie ist sich sicher, nicht wieder aufzuwachen. Eine Stelle, die einem so oder so aus der Fassung bringen kann. Aber ganz besonders auf die Art und Weise, wie Paulo Coelho es schildert. Er konfrontiert uns nicht nur damit, dass wir hier eine junge Protagonistin haben, der man so gern helfen möchte, es aber nicht kann und mit der Tatsache, dass sie ihr Leben gerade wirklich beenden möchte. Sondern er schreibt die Zeit, nachdem sie die Pillen geschluckt hat bis ins kleinste Detail und kaum aus haltbar anschaulich. Wie sie sich fühlt, was für Gedanken ihr in den vermutlich letzten Minuten durch den Kopf gehen. Eine Stelle, an der ich pausieren musste, die ich bis heute nicht verdaut habe und die mich immer noch nachhaltig beschäftigt.

Bei vielen gelingt der Versuch leider, ein Fakt, den die Statistiken mit einer grausam hohen Zahl beweisen und gegen den es anzugehen gilt. Veronika hingegen gelingt der Versuch nicht. Sie wacht in Villette, einer psychiatrischen Klinik. Doch die Mitarbeiter erklären ihr, dass die Pillen irreversible Schäden an ihrem Herzen hinterlassen haben und sie in wenigen Tagen wirklich sterben wird. Eine weitere Stelle, an der ich ziemlich Schlucken musste. Da überlebt sie, nur um direkt wieder zu erfahren, dass sie sterben wird. Dieses mal aber ohne zu wissen, wann genau.

When I took the pills, I wanted to kill someone I hated. I didn’t know that other Veronikas existed inside me, Veronikas that I could love.

Plötzlich mit dem unausweichlichen Tod konfrontiert, denn Sie nun aber nicht mehr selbst beeinflussen kann, beginnen ihre Gedanken zu kreisen. Eine Geschichte, die Veronika dabei begleitet, wie sie einige harte, intensive Tage verlebt, in denen sie sich selbst und ihre Wünsche vom Leben erst richtig kennenlernt. Bis zu diesen Tagen, hat sie sich nie gestattet, wirklich sie selbst zu sein und ihre Gefühle, egal welcher Art, einfach zu leben und zuzulassen. Sie lebte im Grunde wie mechanisch und programmiert, aber sie lebte nie so richtig. Erst jetzt, mit dem unausweichlichen Fakt des nahenden Todes vor Augen, merkt sie, dass jeder Tag in ihren Händen liegt und eine Gratwanderung zwischen Leben und Sterben ist. Und erst jetzt merkt sie, dass sie auch sexuelle Empfindungen hat, Hasse, Liebe, Freude und Aufregung empfinden kann. Und dass das Leben doch noch so viel bieten kann, jetzt, wo sie anfängt, ihre Gefühle zu fühlen und sich traut zu leben.

I want to continue being crazy; living my life the way I dream it, and not the way the other people want it to be.

Doch das Buch zeigt noch so viel mehr als Veronikas Entwicklung. Es nimmt uns mit zu den Geschichten weitere Patienten, Patienten, die nicht den starren Regeln unserer Gesellschaft unterliegen, anders sind und daher als „verrückt“ oder „krank“ abgestempelt werden. Doch wer hat denn das recht, jemanden als „krank“ oder „verrückt“ zu betiteln, nur weil er anders ist, sich anders verhält, anders fühlt? Niemand. Vielleicht sind ja die, die in starren Regeln und Konzepten leben, sich nicht öffnen, Gefühle nicht zeigen und ein von der Gesellschaft weithin akzeptiertes Leben führen die, die verrückt sein? All das behandelt das Buch „Veronika beschließt zu sterben“ ebenfalls.

If one day I could get out of here, I would allow myself to be crazy. Everyone is indeed crazy, but the craziest are the ones who don’t know they’re crazy; they just keep repeating what others tell them to.

Mit eher poetischer aber ungeschönter und sehr direkter Sprache hinterfragt Coelho, was den schon „normal“ ist und zeigt, wie intensiv man sein Leben plötzlich lebt, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird. Und wie wichtig es ist, genau das immer zu tun, denn jeder Tag, jede Stunde, Minute und Sekunde sind ein Geschenk und so kostbar. Es kann so schnell passieren, dass das Leben einem Dinge in den Weg wirft, die zeigen, wie schnell sonst selbstverständlich angenommene Dinge wie die eigene Gesundheit plötzlich weg sind, uns plötzlich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontieren. Und das macht eine scheiß Angst. Umso wichtiger ist es, zu Leben, und zwar so, wie es sich für euch richtig anfühlt, nicht so, wie es andere erwarten. Das aus jedem Tag zu holen, was für einen selbst das richtige und wichtigste ist.

She would consider each day a miracle – which indeed it is, when you consider the number of unexpected things that could happen in each second of our fragile existences.

Eine Geschichte die verdeutlicht, dass jeder gut und toll ist, so wie er ist. Es gibt kein normal und unnormal, nur bunte Vielfalt. Jeder von euch ist gut, so wie erst ist. Jeder von euch wird morgen noch gebraucht!

I feel like making the mistakes I always wanted to make, but never had the courage to…I can make new friends and teach them how to be crazy too in order to be wise. I’ll tell them not to follow the manuals of good behaviour but to discover their own lives, desires, adventures and to live

Wenn es euch schlecht geht, ihr das Gefühlt habt, keinen Ausweg zu haben, als wärt ihr allein oder nur eine Last, dann sucht euch bitte Hilfe. Niemand ist alleine, auch ihr nicht, es gibt so viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und so viele, die euch helfen können! Entscheidet euch für Hilfe, für das Leben, denn „Tomorrow needs you“!

Telefonnummern der Telefonseelsorge:

  • 0800/111 0 111
  • 0800/111 0 222
  • 116 123

Wenn ihr nicht anrufen möchtet – die Telefonseelsorge bietet Beratung per Mail und Chat an. Wenn ihr euch in einem akuten Zustand befindet, Angst habt, dass ihr euch selbst etwas antun könnt, könnt ihr immer auch die 110 wählen oder euch in der Notaufnahme vorstellen. Dort wird euch geholfen und kann ein guter Rettungsanker in schlimmsten Moment sein. Auch auf 7cups könnt ihr jederzeit online via Chat mit jemanden reden!

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