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Mareike von Crowandkraken.de und Elif von lost-in-written-words.blogspot.de sind beide wahnsinnige Vorbilder in Sachen politischer sein, stachelig sein, den Mund aufmachen. Etwas, dass ich auf dem Blog bisher noch kaum wirklich offen und in speziellen Beiträgen getan haben. Höchstens verpackt in Sätzen zu Büchern im Rahmen einer Rezension. Doch das möchte ich zukünftig ändern, bei Themen, die mir nahe gehen und zu denen ich auch etwas sagen könnte. Oder eben weiter im Rahmen des Bloggestöbers, wenn ich nicht selbst die richtigen Worte zu einem Thema finden könnte, aber andere es super gemacht haben. Die beiden haben auf der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr zum Thema „Warum Buchblogs politischer werden müssen“ viele wichtige Dinge angesprochen und Tipps und mögliche Themen an die Hand gegeben, die den Start erleichtern sollen.

Und tatsächlich, liebe Mareike, liebe Elif, würde ich mit diesem Beitrag direkt eines der Themen aufgreifen: Alkoholismus in der Literatur. Insbesondere in Krimis bzw. Thrillern mit Privatdetektiven/Ermittlern ja oft ein präsentes Phänomen. Aber auch unabhängig davon hängen Alkohol und Literatur schon seit Urzeiten zusammen: Zahlreiche große Autoren*innen schrieben im Rausch des Alkohols, es gibt Unmengen an Büchern, in denen Alkohol oder ein alkoholkranker Protagonist*in eine zentrale Rolle spielen oder später auch Bücher aus Zeiten der Prohibition. Aber es gibt auch eher unkritischere Bücher, Bücher, in denen Alkoholismus vollkommen unreflektiert und unrealistisch dargestellt wird. Ein Thema, das mir schon aus persönlichen Gründen absolut die Hutschnur hochgehen lässt. Aber, fangen wir erst einmal von vorne an.

Was ist Alkoholismus überhaupt?

Zunächst Mal ist Alkoholismus ziemlich weit verbreitet, heute und auch schon früher. Auch wenn es vielleicht nicht immer als solcher bezeichnet wurde. Alkoholismus schädigt nicht nur den*die Alkoholiker*erin selbst, sondern auch die Menschen um ihn, Familie und Freunde aber auch Menschen am Arbeitsplatz und auf der Straße. Je nachdem, wie sich der Alkohol auf den*die Betroffenen auswirkt – vom prügelnd bis hin zum depressiv kann alles dabei sein.

Nach der Weltgesundheitsorganisation ist Alkoholismus ganz klar eine Krankheit. Und auch für Deutschland hat das Bundessozialgericht diesen als Krankheit anerkannt. Denn häufig kann der*die Betroffene sein Trinken nicht mehr kontrollieren, er ist abhängig. Viele sind körperlich als auch seelisch krank. Hört er*sie nicht auf zu trinken, verschlimmert sich der Alkoholismus meist. Laut den AA (Anonyme Alkoholiker) kann man den Alkoholismus lediglich zum Stillstand bringen. Dazu ist totale Abstinenz und oft die Veränderung der Lebensumstände nötig, beispielsweise in dem man sich Hilfe holt, Entzug macht, auslösende Faktoren versucht zu vermeiden, an Programmen wie den AA teilnimmt. Hier noch eine Definition von onmeda dazu:

Alkoholismus (Alkoholabhängigkeit, Alkoholsucht) ist eine chronische Verhaltensstörung, bei der eine Person über das soziale Maß hinaus Alkohol konsumiert und die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum weitgehend verloren hat. Dabei entsteht eine körperliche und psychische Abhängigkeit. Die Alkoholsucht wird so groß, dass alles andere unwichtig wird. Der Alkoholiker ist nicht in der Lage, seinen übermäßigen Alkoholkonsum dauerhaft zu stoppen. Quelle: https://www.onmeda.de/alkohol/alkoholismus-definition-10019-2.html

Es gibt verschiedene Arten von Alkoholikern*innen, die onmeda unter dem oben stehenden Link ebenfalls aufführt: Alphatrinker, Betatrinker, Gammatrinker, Deltatrinker und Epsilontrinker. Und sie alle kommen uns natürlich auch in Literatur immer wieder entgegen. Häufig werden sie auch so dargestellt, was sie sind: Kranke, die ihre Sucht nicht unter Kontrolle haben. Doch nicht immer wird mit dieser Thematik meiner Meinung nach richtig umgegangen. Oft wird der übermäßige Alkoholkonsum als Bagatelle, Nichtigkeit, als Nebensächlichkeit dargestellt, allen in voran in diesen typischen Krimis/Thrillern mit privaten Ermittlern und Detektiven ist mir das des Öfteren sauer aufgestoßen.

Alkohol und Literatur

Den nächsten Planeten bewohnte ein Säufer. Dieser Besuch war sehr kurz, aber er tauchte den kleinen Prinzen in tiefe Schwermut. – ‚Was machst du da?‘ fragte er den Säufer, den er stumm vor einer Reihe voller Flaschen sitzen sah. – ‚Ich trinke‘, antwortete er mit düsterer Miene. – ‚Warum trinkst du?‘ fragte ihn der kleine Prinz. – ‚Um zu vergessen‘, antwortete der Säufer. ‚Um was zu vergessen?‘ erkundigte sich der kleine Prinz, der ihn schon bedauerte. – ‚Um zu vergessen, daß ich mich schäme‘, gestand der Säufer und senkte den Kopf. – ‚Weshalb schämst du dich?‘ fragte der kleine Prinz, der den Wunsch hatte, ihm zu helfen. – ‚Weil ich saufe‘, endete der Säufer und verschloß sich endgültig in sein Schweigen.“ – aus der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry

Alkohol ist schon seit jeher Bestandteil der Literatur, den er gehört bei vielen zum Leben dazu. Das Maß der Dinge und die Art, wie man damit umgeht, ist natürlich eine wichtiger Faktor. Getrunken wurde ja schließlich schon in der Bibel, wo Jesus Wasser zu Wein macht. Und so ist auch die Literatur teilweise regelrecht überschwemmt von Alkohol. Getrunken wird wohl fast in jedem Buch, beim Date, auf dem Sofa, aus Frust oder eben ganz klar, weil ein*eine Alkoholiker*in eine Rolle spielt, wie im jüngst von mir gelesenen „Schloss aus Glas“. Viele bekannte Schriftsteller aus früherer Zeit schreiben sogar Trinklieder, wie Goethe oder Lessing. Etwa bis Anfang des 19. Jahrhunderts galt Alkohol auch in der Literatur als Lustdroge und Freudenspender, was sich mit dem Einsetzten der Industrialisierung langsam änderte.

Auch viele berühmte Autoren unterlagen der Alkoholsucht, wie zum Beispiel Poe. Oft hört man, wie große Werke ja wohl ohne den Einfluss von Alkohol überhaupt nicht hätten entstehen können, was finde ich ein vollkommen falsches Bild vermittelt. Es wird gar dargestellte, als hätten Werke von Poe und Co nie möglich sein können, wäre er damals nüchtern gewesen. Poe und seine Werke sind da nur ein Beispiel, es gibt so viele große Schriftsteller aus alten Zeiten, die den Alkohol als Katalysator brauchten. Unter anderem auch E.T.A. Hoffmann, Goethe, Gottfried Keller und viele mehr. Oft tranken Sie, um ihre Fantasie zu beflügeln. Häufig vielen Sie in der Kategorie von onmeda.de wohl unter die Alphatrinker oder auch Deltarinker. Damals ging man mit dem Thema noch gänzlich anders um als heute. Es war geradezu normal, unter Rauschzuständen zu schreiben. Zu Beginn der Industrialisierung kamen erstmals kritische Äußerungen zum Alkoholismus in der Literatur oder unter Autoren und Künstlern auf. Im 20. Jahrhundert kommen diese dann häufiger auf. Unter anderem durch Upton Sinclair, der in seinem Buch „The Cup of Fury“ (1956) auf die vom Alkohol verzerrte und gequälte amerikanische Schöpferkraft eingeht. Er focht für die Prohibition. Er berichtet von viele amerikanischen Schriftteller-Kollegen, wie Jack London oder Fitzgerald, die Alkoholiker waren.

Nach wie vor ist Alkohol weit verbreitet und akzeptiert. Wein zum Dinner, hier und da ein Bierchen gehört zur gesellschaftlichen Norm. Und das ist ja auch kein Problem, den das Problem ist nicht der Alkohol an sich. Schließlich sind wir ja nicht alle Alkoholiker, nur weil wir ab und an gerne einen Cocktail oder ein Glas Wein zu uns nehmen. Aber, die Art und Weise wie mit Alkohol umgegangen wird, lässt mir gerne mal die Hutschnur platzen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von euch das Gefühl kennen, das Alkohol teilweise schon eine Art gesellschaftlicher Zwang ist. Dass man auf Unverständnis stößt, nur weil man kein Glas Bier möchte, sondern lieber zur Saftschorle greift. Bei Jugendlichen, zumindest war es bei mir damals so, galt man schnell als Außenseiter, wenn man nicht mit trank. Komasaufen und Flatrateparties waren vor Jahren in aller Munde und finden bestimmt noch immer statt, man redet nur kaum noch drüber, oder ich bekomme es nur nicht mehr so mit.

Und so ist Alkohol auch Bestandteil von Literatur und auch noch heute. Was kein Problem ist. Nur, wie mit dem Thema Alkoholismus in Büchern umgegangen wird, das ist nicht immer korrekt und macht mich wahnsinnig. Ein klassisches Beispiel, was erstaunlich weit verbreitet ist, sind alkoholabhängige Privatdetektive bzw. Ermittler.

Der Privatdetektiv als alkoholabhängiger Held

Photo by Craig Whitehead on Unsplash

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Ist euch auch schon einmal aufgefallen, dass diese oft auch Alkoholiker*innen sind? So beispielsweise Philip Marlowe von Raymond Chandler. Er trinkt viel und löst natürlich trotzdem mit Bravour seine Fälle. Er trinkt quasi jeden Tag und auch zahlreiche Personen in seiner Umgebung sind dem Alkohol verfallen und finden das vollkommen in Ordnung, was Marlowe da tagtäglich in sich hinein schüttet. Dabei ist es relativ typisch, dass der Privatdetektiv seinem Laster frönt und dabei als eine Art Held dargestellt wird. Klar säuft er wie ein Loch, aber hey, er hat sein Leben dabei voll im Griff. Zum Trinken ist er meist wegen einer gescheiterten Ehe gekommen. Schläft gegebenenfalls in seinem Büro, aber hey, er löst Fälle wo die Polizei versagt, also scheiß doch drauf, lass ihn saufen, ist doch ok, oder?

Nein! Ist es verdammt noch mal nicht! Den Alkoholismus ist nichts, was gut ist, was ok ist. Es ist eine Krankheit und sollte auch in der Literatur als solche dargestellt werden. Es ist eine Krankheit die das Leben des Trinkenden und das der Leute um ihn herum stark beeinflusst, sich in der Regel äußerst negativ auf diese auswirkt. Es ist nicht ok, wenn Helden in Büchern, oder auch Heldinnen, vollkommen hemmungslos tagtäglich saufen. Und es ist nicht ok, wenn dabei nicht klargestellt wird, dass sie krank sind. Wenn suggeriert wid, dass man unter diesen Umständen dennoch der Held ist, seine Leben vollkommen in Griff hat und alles vollkommen normal und gut ist. Alkohol zerstört Familien. Alkohol kann psychisch und seelisch schwere Folgen haben. Und genau das sollte auch in der Literatur so kommuniziert werden. Alles andere suggeriert meiner Meinung nach ein falsches, gefährliches Bild. Versteht mich nicht falsch, ich hab kein Problem damit, wenn Protagonisten mal einen Wein trinken. Aber, wenn der Protagonist schon zum Frühstück den ersten Scotch aufmacht, dann ist es nicht ok. Weitere typische Detektive-Beispiele sind, sowohl männlich als auch weiblich, Sam Spade oder Mike Hammer oder ein jüngeres Beispiel Harry Hole von Jo Nesbø. Noch mehr gefällig? Wie wäre es mit Ira Sami, aus Amokspiel von Sebastian Fitzek. Oder Louise Boni von Oliver Bottini, die immerhin mal einen Entzug versucht?

Wie wäre es denn mal mit einem Privatdetektiv*in, der*die keine Alkoholiker ist? Vielleicht sogar eine intakte Familie hat? Der aber trotzdem ein genialer Ermittler ist? Und sich einfach mal nur durch seine Genialität als Ermittler auszeichnet und nicht durch sein  verkorkstest Privatleben? Der nicht, meist unberechtigt, noch seinen Job hat, weil er ist ja gut ist, scheiß doch drauf, ob er ständig irgendwo volltrunken aufkreuzt? Der mal nicht in dieser Klischee-Scheiße drinnen steckt? Oder, wie wäre es, wenn man dennoch mal zeigt, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die das Leben meist nicht mehr so reibungslos laufen lässt? Und dass man auch seine Quittung dafür bekommt, dass es eine Krankheit ist, aus der man ohne Hilfe nicht herauskommt? Und wie wäre es, wenn einfach mal wieder der Fall, Mord und Ermittlung im Vordergrund sind, nicht das alkoholdurchdrängte Privatleben der Ermittler?

Das ist insofern auch wichtig, da auch Betroffene durch solche Lektüren getriggert werden können (und ja, jetzt komm ich tatsächlich auch mal damit einher). Ich beispielsweise kann Lektüren, in denen Alkoholismus nicht als das dargestellt wird, was er ist, nämlich ein verschissenes Arschloch an Krankheit, nicht ab. Ich kann sie aus persönlichen Gründen nicht lesen, muss sie abbrechen oder fühle mich dabei einfach durchweg grauenvoll. Manche erwischt es vielleicht noch schlimmer, sodass sie richtig zurück in ein Loch oder miese Erinnerungen geworfen werden. Ich mag Krimis und ich mag Privatdetektive, aber ich meide sie zunehmend, denn es passiert einfach weiterhin viel zu oft, das diese typische Privatdetektiv-Schublade benutzt wird. Unreflektiert und ohne Konsequenzen für den Protagonisten. Menschen die vielleicht keine privaten Berührungspunkte mit Alkoholismus haben, mag das jetzt übertrieben und unverständlich vorkommen. Aber, ich bin mir sicher, dass es viele gibt, die mehr oder weniger schmerzliche Erfahrungen in Bezug zu diesem Thema haben, aus welchen Gründen auch immer und sich ebenfalls eine stets reflektierte Auseinandersetzung zum Thema wünschen. Und ein Privatdetektiv, der sich meinetwegen durch einen Kaugummi-Kau-Tick auszeichnet, wenn schon ein Tick nötig ist, aber nicht einen Scotch, Whiskey oder was weiß ich nach dem andernen kippt und am besten in der Schreibtischschublade eine Flasche, im Handschuhfach die nächste hat und für unterwegs noch den kleinen Flachmann in der Trenchcoat-Jacke, das wäre doch mal wünschenswert.

Natürlich bin ich dennoch für das Thema Alkoholismus in Büchern. Denn sie können auf eine gute Art und Weise aufklären und Einblicke geben, was der Alkohol mit Familien, Freundeskreisen und dem Leben des Trinkenden selbst anrichten kann. Bücher, die zeigen, wie sich die Krankheit auswirkt, was für Folgen diese haben kann und sie nicht beschönigt oder als Bagatelle, Nebensächlichkeit oder kleine Verfehlung eines ach so tollen Protagonisten abtut sind sogar äußerst wünschenswert. Aber wenn ein übermäßiger Alkoholkonsum als harmlos oder gar gesellschaftlicher Zwang dargestellt wird oder nicht die realistischen, möglichen Folgen dessen wenigstens angekratz sind, dann ist das Buch für mich nichts, was lesenswert ist. Eins, dass eine falsche Botschaft vermittelt und am Ende gar noch kommuniziert, dass es ok ist, übermäßig viel Alkohol zu trinken. Das hört natürlich nicht bei den Privatdetektiven aus, sondern bezieht sich auf alle Bücher, die so lasch damit umgehen. Diese Detektive sind nur ein typisches, verharmlosendes, ja klischeehaftes Beispiel. Weitere wären zum Beispiel Bücher wie „Die Beschissenheit der Dinge“ von Dimitri Verhulst. Insgesamt habe ich das Gefühl, das Alkohol zu oft als vollkommen harmloses Mittel zum „Runterkommen“ und „Entspannen“ dargestellt wird, statt als ernstzunehmende Krankheit, die Leben zerstören kann.

Wie steht ihr zu dem Thema? Ist euch das auch schon aufgefallen und habt ihr noch andere Beispiele?

Quellen:

http://www.angelfire.com/poetry/alkohol/

Onmeda.de

Anonyme Alkoholiker

http://literaturkritik.de/id/8492

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Maltese_Falcon_(1941_film)

http://www.detektiv-report.de/beruehmte-detektive/mike-hammer.htm

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