Der Tätowierer von Auschwitz von Heather Morris, Piper Verlag (c) Mareike von crowandkraken.de

 

Heute geht die Blogtour anlässlich der deutschen Übersetzung zu „Der Tätowierer von Auschwitz“ bei mir in die zweite Runde. Gestern machte Mareike den Anfang mit ihrem Startartikel zur Gedenkstätte Neuengamme. Weitere Stationen der Blogtour sind:

von Auschwitz (c) Mareike von CrowandKraken - ebenso Headerbild

Blogtour zu der Tätowierer von Auschwitz (c) Mareike von CrowandKraken – ebenso Headerbild

Schaut auf jeden Fall bei allen vorbei – denn ihr könnte auch eines von zwei Büchern Gewinnen. Am Ende des Artikels mehr dazu.

Funktionshäftlinge in KZs und Arbeitslagern

Bei mir geht es heute ganz allgemein um Funktionshäftlinge in den KZs. Lale hatte als Tätowierer eine Sonderstellung und lässt sich daher vermutlich am ehesten auch zu den Funktionshäftlingen einordnen, zumindest hatte er ähnliche Privilegien. Lale musste seinen Mithäftlingen auf brutale Art ihre Nummer direkt auf den Körper tätowieren. Diese Funktion war einmalig, denn in allen anderen Konzentrationslagern wurden die Nummern auf der Kleidung aufgebracht (*1) Sogenannte Funktionshäftlinge gab es jedoch überall.

Funktionshäftlinge waren Gefangene im System der Konzentrationslager, die von den SS-Bewachern für verschiedenste Funktionen eingesetzt wurden. Unter anderem als Aufseher im Arbeitseinsatz oder weiteren Kontroll-, Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben. Hauptsächlich wurden sie in Konzentrations- und Arbeitslagern eingesetzt, um der Masse an Häftlingen Herr zu werden. Mit Ihnen entstand im Grunde eine zweite Hierarchie, um die Häftlinge kontrollierbarer und beherrschbarer zu machen. So sparte man SS-Personal und Kosten. Ohne Sie, wäre der reibungslose Ablauf in den Lagern kaum möglich gewesen. Im Gegenzug dazu, dass sie für Ordnung im Lager sorgen mussten, wurden Ihnen gewisse Privilegien zuteil. Eine Position, die dafür sorgte, dass Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern wurden und die Spaltung der einzelnen Gruppen in den KZs und der Häftlinge untereinander vorantrieb. Funktionshäftlinge waren häufig die verhassten Handlanger der SS. Eine große Wahl hatten sie alle nicht. Viele wurden zu Erfüllungsgehilfen der SS. Doch einige, wie auch Lale Sokolov, nutzen diese Privilegien auch, um Mithäftlingen zu helfen und riskierten dabei ihr eigenes Leben (*2).

Das System der Funktionshäftlinge

Soziale Pyramide im KZ (c) http://www.offenes-archiv.de/de/ausstellung/lagerhierarchie-funktionshaeftlinge.xml

Soziale Pyramide im KZ (c) http://www.offenes-archiv.de/de/ausstellung/lagerhierarchie-funktionshaeftlinge.xml

Das System bestand aus leitenden Führungshäftlingen, Häftlingen, die wichtigste Stellung in Wirtschafts- und Versorgungseinrichtungen hatten sowie Häftlingen, die in geschlossenen Räumen arbeiteten. Danach folgte die große Masse, die Schwerstarbeit verrichten mussten. Je höher ein Häftling gestellt wer, desto besser war seine Ernährung, Kleidung und Unterbringung (*3).

Die Spitze bildete der sogenannte Lagerälteste. Er musste der SS gegenüber die gesamte Ordnung im Lager vertreten und gewährleisten. Danach folgten die Block- und Stubenältesten. Die Blockältesten waren für die Einhaltung der Vorschriften in ihrem Baracken-Block zuständig, die Stubenältesten waren hingegen für „Hygiene“ und „Ordnung“ in den einzelnen Baracken/Stuben zuständig. Darunter zählte zum Beispiel die Lauskontrolle. Zu weiteren Funktionen (Häftlinge, die in geschlossenen Räumen arbeiten), gehörten zum Beispiel Arbeiten zur Lagerverwaltung, in Versorgungseinrichtungen wie der Wäscherei oder als Pflege und Häftlingsärzte sowie in der Schreibstube (*1). So setzt sich Lale in „Der Tätowierer von Auschwitz“ beispielsweise dafür ein, Gita in eine solche Position zu bringen, um sie vor der schweren, körperlichen Arbeit vor allem während ihrer Krankheit und dem damit fast sichern Tod zu schützen. Am Anfang wurden häufig kriminelle inhaftierte Deutsche und Österreicher in solchen Positionen eingesetzt. Später zunehmend auch politische und nicht deutsche Häftlinge.

Sonderstellung – Zwischen den Fronten & Privilegien

Als Funktionshäftling ergab sich eines äußerste prekäre Sonderstellung. Zum einen bekam man mehr zu Essen, bessere Kleidung und Unterkünfte, hatte gleichzeitig keine körperliche Schwerstarbeit und hatte damit sehr hohe Chancen, zu Überleben. Aber, natürlich nur solange, wie es die SS wollte. Widersetze sich ein Funktionshäftling und führte die Stellung nicht ordentlich aus, waren die Privilegien schnell entzogen, im harmlosen Fall…der Tod war wohl eher die wahrscheinlichere Konsequenz. Gleichzeitig zogen die Funktionshäftlinge den Hass der Mithäftlinge auf sich. Denn sie konnten ihre Stellung nicht nur dazu einsetzen, anderen zu helfen, sondern auch, um die Vorschriften auf brutale Art durchzusetzen. Gerade in höheren Stellung hingen die gesamte Lebensbedingung der Häftlinge von Funktionshäftlingen ab, die unter anderem für die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung eingesetzt waren (*2).

Anderen Mithäftlingen zu helfen, besonders schwächere und kranke zu schützen, sorgte oft dafür, dass man selbst mit dem eigenen Leben spielte. Ein Punkt, den sich wohl viele von uns nicht getraut hätten zu wagen. Dennoch gab diese Art der Menschlichkeit an so einem unmenschlichen Ort, wie uns Lale Sokolov in „Der Tätowierer von Auschwitz“ zeigt. Teilweise gelang es, Mithäftlinge in günstigere Wohnblocks zu bekommen, ihnen eine leichtere Arbeit zu verschaffen oder gar deren Identität zu verschleiern, um sie vor Nachverfolgung zu bewahren (*1). Der Grad war äußerst schmal, von einer Lagerkarriere auf der einen Seite und der Gaskammer auf der anderen Seite waren es nur Millimeter. Das eigene Schicksal als Funktionshäftling hing hier also auch von der Gunst der SS ab.

Der Einsatz von Funktionshäftlingen sollte die Solidarität der Häftlinge gegen die SS unterbinden, spaltete die Häftlinge und sparte Kosten. Teilweise wurde diese Stellung auch aufs brutalste ausgenutzt, aber einige zeigten dennoch Solidarität und halfen unter Lebensgefahr täglich den Mithäftlingen. In vielen Berichten werden Funktionshäftlinge als Mittäter betitelt. Was teilweise vermutlich zutrifft. Zu Bedenken bleibt jedoch, dass diese sich die Positionen nicht aussuchten und ihnen meist auch nur Gehorsam oder Tod blieb, mit Glück auch nur eine Entbindung aus der Position, wenn sie erwischt wurden, während sie anderen halfen oder ihren Job nach dem Geschmack der SS nicht ordnungsgemäß ausführten (*5).

Nicht nur Lale versucht seine Privilegien irgendwie zur Hilfe für andere zu nutzen. Ein weiteres prominentes Beispiel ist auch Otto Küsel, der unter anderem ebenfalls in Auschwitz inhaftiert war. Er war einer der ersten 30 Häftlinge dort und wurde von Rudolf Höß zum Funktionshäftling ernannt. Er war für die Koordination der Arbeitskommandos zuständig. Wie Lale auch, bewältigte er tagtäglich einen Drahtseilakt, um auf der einen Seite seine Pflichten so zu erledigen, ohne seine Stellung oder gar sein Leben zu verlieren und gleichzeitig, seine Stellung zu nutzen, anderen zu helfen, statt diese mit brutaler Überlegenheit zu führen. Er organisierte die Arbeitskommandos so, dass möglichst ausgemergelte, erschöpfte und kranke die leichteren Aufgaben zugeteilt bekamen. War also unter anderem mit dafür verantwortlich, um Leute wie Gita in die Schreibstuben zu bekommen (*4). Auch in Dachau gab es einen wie Lale und Otto. Den Widerstandskämpfer Ludwig Soswinski. Er buchte heimlich Geldbeträge von den reicheren Häftlingen (mit deren Einverständnis) auf die Konten der ärmeren um, damit diese in der Lagerkantine einkaufen konnten. Ebenfalls in Dachau eingesetzt war Heinrich Söhr, der als Oberpfleger zahlreichen Häftlingen das Leben rettete, indem er sie im Krankenrevier versteckte (beides *5). Nicht selten waren Funktionshäftlinge und andere privilegiertere Häftlinge wie Lale Mitbegründer des Widerstandes(*5).

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Infos zum Buch

Verlag: Piper

Erscheinungsjahr: 2018

Seiten: 304

Genre: Roman

Übersetzung: Elsbeth Ranke

Format: Klappenbroschur

ISBN: 978-3-85179-407-6

Gewinnspiel

Ihr möchtet die Geschichte von Lale Sokolov selbst lesen? Dann könnt ihr zwei Ausgaben gewinnen. Beantwortet dafür die Fragen unter unseren Beiträgen (Übersicht der Blogtourteilnehmer und Timeline siehe oben). Die heutige Frage lautet:

Welche Aufgabe hatte Otto Küsel in Auschwitz inne?

Die Teilnahmebedingungen sind wie folgt:- Die Teilnahme an dem Gewinnspiel ist ab 18 Jahren möglich. Andernfalls ist eine Teilnahme nur mit Erlaubnis des Erziehungs-/Sorgeberechtigten möglich.

  • Die Gewinner_innen werden per Los ermittelt.
  • Zeitraum: 27.08.-02.09., die Auslosung erfolgt am 03.09.
  • Die Adressdaten werden nur zum Versand gespeichert und werden nach Zustellung des Buches gelöscht.
  • Der Versand der Gewinne erfolgt nur innerhalb Deutschlands und Österreichs.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Für den Postversand wird keinerlei Haftung übernommen.
  • Eine Barauszahlung der Gewinne ist nicht möglich.
  • Der Gewinner ist damit einverstanden, öffentlich genannt zu werden.
  • Jede teilnahmeberechtigte Person darf einmal pro Tag an dem Gewinnspiel teilnehmen.
  • Mehrfachbewerbungen durch verschiedene Vornamen, Nachnamen, Emailadressen oder einem Pseudonym sind unzulässig und werden bei der Auslosung ausgeschlossen.

 

Hier geht es zu den weiteren Beiträgen:

 

Quellen:

*1: https://de.wikipedia.org/wiki/Funktionsh%C3%A4ftling#Einzelne_Funktionen

*2: https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Das-Konzentrationslager-Mauthausen-1938-1945/Das-System-der-Funktionshaeftlinge

*3: http://www.offenes-archiv.de/de/ausstellung/lagerhierarchie-funktionshaeftlinge.xml

*4: http://www.aventinus-online.de/neuzeit/krise-der-klassischen-moderne-1918-1945/art/Die_Rolle_der_F/html/ca/819409dd06302568ca0abfc8f0dab72a/indexee27.html?tx_mediadb_pi1%5BmaxItems%5D=10

*5: https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/vor-70-jahren-wurde-das-kz-buchenwald-befreit-perfides-system-der-funktionshaeftlinge_id_4594299.html