Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar (c) BTB

Headerbild: Ich nannte ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar (c) BTB

Irgendwo in Japan begegnen sich zwei Menschen auf einer Parkbank. Der eine ist alt, der andere noch jung. Beide sind aus dem Rahmen gefallen, jeder auf seine Weise. Erst diesem fremden Gegenüber erzählen sie sich nach und nach aus ihrem Leben. Zögernd setzten sie wieder einen Fuß auf die Erde.

Milena Michiko Flašar schreibt wundervoll fließend, poetisch, stimmig. Sie verzichtet dabei vollständig auf Anführungszeichen, was für mich diesen fließenden Übergang zwischen den zwei Protagonisten untermalt. Denn die zwei könnten zwar kaum aus unterschiedlicheren Hintergründen kommen, aber beide verbindet, dass sie aus der Norm fallen, anders sind, als all die Anderen.

Der eine ist Taguchi Hiro, er ist der jüngere. Er ist ein sogenannter Hikikomori. Einer von vielen Menschen, meist Jugendliche und junge Erwachsene, die sich freiwillig vollkommen von der Gesellschaft, meist sogar der eigenen Familie, zurück ziehen. Das Phänomen stammt aus Japan, verbreitet sich aber auch über den Rest der Welt. Es sind junge Menschen, die dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten. Sie verkriechen sich für Wochen, Monate, ja sogar Jahre. Einige versucht man, wieder in die Gesellschaft einzugliedern, sie wieder in die Norm zu zwängen.

Doch nicht so bei Taguchi. Denn seine Eltern, die lassen ihn in Ruhe. Sie schämen sich. Sie fahren nicht mehr in den Urlaub, sie gehen ihre Verwandten nicht besuchen, keine Freunde und Bekannte betreten mehr das Haus. Es könnte ja jemand mitbekommen, das Taguchi scheinbar nicht mehr ganz richtig tickt.

Flašar schafft es, durch Taguchis Erzählungen beeindruckend und authentisch zu vermitteln, wie sich Hikkomoris wohl fühlen, wie der junge Taguchi sich fühlte. Sie schafft es, mir das ganze einleuchtend und gleichzeitig sehr poetisch näherzubringen, es vollkommen verständlich, gar greifbar zu machen.

Ohne zu wissen warum, starten wir, als Taguchi eine Schwelle übertritt und sich endlich wieder vor die Tür traut. Er geht in den Park, wo er auf die Bank stößt, auf der er in seiner Kindheit oft saß. Er verbindet viele guter Erinnerungen mit diese Parkbank, die überall auf der Welt stehen könnte. Bald entdeckt er ihm gegenüber den zweiten Protagonisten – den älteren Ohara Tetsu.

Ohara ist ein Salaryman, ein Geschäftsmann. Jeden Tag kommt er um Punkt neun Uhr in den Park und setzt sich auf die gegenüberliegende Bank. Mittags packt er sein Bento, ein Mittagessen, aus, das ihm seine Frau Kyoto jeden morgen zubereitet. Ohara ist hier, weil er zu alt wurde, zu ineffizient – für die Arbeit nicht mehr zu gebrauchen. Er wurde entlassen. Nach Jahrzehnten der Routine ist er damit überfordert. Er traut sich nicht, es seiner Frau zu sagen, kann aus der täglichen Routine nicht ausbrechen. Es dauert etwas, doch bald nehmen Taguchi und Ohara einen Faden auf. Sie können nicht mehr leugnen, dass es den anderen gibt.

“Er war da, hatte in mir Platz genommen, war eine Person geworden, über die ich sagen konnte: Ich erkenne sie wieder.” (S. 17)

Bis sie irgendwann sogar auf einer Bank sitzen und sich gegenseitig von ihrem Leben erzählen. Davon, wie sie hier gelandet sind. Sie nehmen uns zurück, in ihre Erinnerungen. Eine berührende, tiefgründige und auch melancholische Reise. Es ist eine gesellschaftskritische Geschichte, zwei Männder, die dem starken Leistungsdruck nicht mehr standhalten. Die am Anspruch von Gesellschaft und Familie zerbrechen.

Doch es ist auch eine positive Geschichte. Sie strahlt Hoffnung aus. Flašar zeigt, das es ok ist, anders zu sein. Und was heißt schon anders, jeder ist anders, jeder von uns hat seine Macken. Es ist ok, nicht immer zu funktionieren, Gefühle zu zeigen, Schwächen zu haben.

“Schäm dich nur ja nicht dafür, ein Mensch mit Gefühlen zu sein. Egal, was es ist, fühl es innig und tief.” (S. 92)


Eine stimmige, poetische und gesellschaftskritische Geschichte. Ich bin dankbar, dass ich dank des Lesekreises, der im Rahmen der ARD-Buffet liest Gruppe und dank Karla entstand, auf „Ich nannte ihn Krawatte“ aufmerksam geworden bin. Es reiht sich definitiv in meine Liste meiner All-Time-Favoirtes ein!

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Infos zum Buch
Titel:Ich nannte ihn Krawatte Autor: Milena Michiko Flašar Erscheinungsjahr: 2014 Verlag: BTB Seiten: 336 Format: Taschenbuch Preis: [D] 9,99 € [AT] 10,30 €

Die Autorin:

Milena Michio Flašar wurde 1980 in St. Pölten geboren.  Sie studierte in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik. Ihre Mutter ist aus Japan, ihr Vater aus Österreich. Heute lebt sie als Schriftstellerin in Wien. nebenbei unterrichtet sie Deutsch als Fremdsprache.

*Das Buch wurde mir vom BTB Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt.

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