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[Rezension] Die Glücklichen – Kristine Bilkau

von Franzi S.
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Rezensionsexemplar

Isabell und Georg sind ein glückliches Paar. Sie ist Cellistin und er arbeitet als Journalist in einer Redaktion. Gemeinsam schauen sie abends beim Spazieren gehen gerne die Wohnungen Fremder an. Sie sehen lauter Dinge, die ihnen ein wohliges Gefühl geben – riesige Bücherregale, stilvolle Lampen oder bunte Kinderzimmer. Doch das Gefühl verliert sich bald.

Schreibstil

Kristine Bilkau schreibt sehr distanziert, kühl und sachlich. Ganz ohne großes Tamtam, ohne Ausschweifungen, Verschönigungen oder viel Emotion. Und doch ist genau das der Zauber dieses Buches, auch wenn ich mich erst einmal daran gewöhnen musste. Gleichzeitig schafft sie es dennoch, die Gefühle und Gedanken von Isabella und Georg zu transportieren, sodass die stetig wachsende Verzweiflung, der Druck und die Hoffnungslosigkeit auch mich als Leser erreichten.

Geschichte  und Charaktere

Sie verachtet seine Vernunft und nimmt ihm seinen Mangel an Eitelkeit übel. Eine gewisse Eitelkeit, die verhindert, dass sie sich den miesen Umständen vorauseilend anpassen, dass sie eins werden mit den miesen Umständen, dass sie diese Umstände eigentlich erst heraufbeschwören. (S. 224)

Isabell ist Cellistin und versucht nach der Geburt ihres Sohnes Matti wieder Fuß zu fassen. Doch am Abend im Orchestergraben zittern ihre Hände. Sie versucht es zu verdrängen, nicht auszusprechen, in der Hoffnung, dass das Zittern so verschwindet, nicht real, nicht stärker wird. Sie zieht sich zurück, spricht nicht darüber. Gleichzeitig vermehren sich die Gerüchte, der Verlag würde die Zeitung, für die Georg arbeitet, verkaufen. Was mit Kürzungen und Entlassungen einhergeht. Der Traum der beiden, diese sichere, gefestigte Existenz in ihrer Altbauwohnung in der Isabella schon ihr halbes Leben wohnt, und ihr kompletter Lebensstil steht auf der Kippe. Bis auch noch das Gerüst vor der Tür steht und irgendwann ein Kronleuchter von der Decke im Treppenhaus baumelt und der Briefkasten eine Mieterhöhung ausspuckt. Während Isabell sich zurück zieht, wird Georg zum Rechner. Jeder Cent muss überlegt sein, statt Bio gibt es Discounter-Ware, eine neue Perspektive muss her, die sogar nicht zu den beiden passen will. Isabella hingegen versucht so weiter zu machen wie bisher, nur nicht wahrhaben, was passiert, nur alles auskosten, solange es noch geht. Immer mehr gelangen die beiden in diesen Strudel aus dem es immer schwerer wird, wieder herauszukommen.

Ich frage mich, wie lange es hier so weitergehen kann. Ich fühle mich wie unter Wasser. Ich tauche, ich halte die Luft an, eine Weile wird es noch gehen, aber ich weiß, lange halte ich es nicht mehr durch. (S. 195)

Kristine Bilkau konnte mich mit „Die Glücklichen“ trotz kurzer Eingewöhnungsphase, vollkommen überzeugen. Isabella und Georg waren hervorragend herausgearbeitet. Sie und ihre Lebenssituation waren klar und so unfassbar realitätsnah, dass man meinen könnte, man steckt selbst in der Geschichte. Was vor allem auch daran liegt, dass Kristine Bilkau ein Thema anspricht, dass uns alle in irgendeiner Weise beschäftigt und treffen kann. Eine Geschichte, wie sie jedem passieren kann, eine Geschichte von nebenan. Eine Geschichte, die mich berührte und mir noch Tage danach im Gedächtnis ist und mich aufwühlt. Trotz des klaren Schreibstil hat sie einiges zwischen den Zeilen versteckt. Als Leser muss man nur aufmerksam genug den Zeilen folgen und man wird mit vielen Erkenntnissen bereichert aus dem Buch wieder auftauchen.

Kristine Bilkau hat einen klaren, sachlichen und dennoch emotionalen und berührenden Romanen geschrieben. Wahrheit, Realität, Hoffnung, Verzweiflung und ein Hauch Melancholie reihen sich aneinander ohne große Ausschweifungen und ohne zu Überladen zu wirken. Eine starke, realitätsnahe Geschichte mit ebensolchen Charakteren die mich noch lange bewegen wird.

*Werbung: Das Buch wurde mir vom Luchterhand Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Rezension spiegelt dennoch meine ehrliche und eigene Meinung wieder.

Infos zum Buch
Autorin: Kristine Bilkau Erscheinungsjahr: 2015 Verlag: Luchterhand Seiten: 301 Format: Hardcover Preis: [D] 19,99 € [A] 20,60 € [CH] 26,90 €

 

Autorin:

Kristine Bilkau wurde 1974 geboren. Im Jahr 2008 war sie Finalistin des Literaturwettbewerbs open mike in Berlin und 2009 Stipendiatin der Autorenwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. 2010 erhielt sie dann das Stipendium des Künstlerdorfes Schöppingen, 2013 nahm sie and er Bayerischen Akademie des Schreibens des Literaturhaues München teil. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg und arbeitet als Journalistin für Frauen- und Wirtschaftsmagazine. „Die Glücklichen“ ist ihr Debütroman. Das Buch wurde bereits mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet.

Weitere Rezensionen:

Astrolibrium

Die Buchbloggerin

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[…] Die Glücklichen – Kristine Bilkau […]

Diese wirklich realitätsnahe und äußerst berührende Geschichte wird mich auch noch lange bewegen.

[…] Die Glücklichen von Kristien Bilkau – 4 Herzen – 300 Seiten […]

[…] Doch das Gefühl verliert sich. Eines Tages ist das Haus mit einem Gerüst verbaut, bald hängt ein Kronleuchter im Treppenhaus, im Briefkasten liegt die Mieterhöhung. George verliert den Job, Isabells Hände zittern beim Spielen. Sie müssen sich in ein neues Leben fügen, das Isabell so gut es geht ignoieren und herauszögern will. Und beide laufen Gefahr, sich zu verlieren. (Meine Rezension zu Die Glücklichen). […]

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[…] gegriffen und erinnert mich von der Art ein bisschen an eines meiner Highlights der letzten Jahre: Die Glücklichen von Kristine Bilkau. Ich bin gespannt, ob es mich ebenso überzeugen […]

[…] Kristine Bilkau hatte ich bereits „Die Glücklichen“ gelesen. Ein Buch, das mich tief berührt und absolut begeistert hat und von mir immer wieder gerne […]

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