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Rezensionen/Reviews

[Besprechung] Der Vorleser - Bernhard Schlink

16. Februar 2016

Der Vorleser - Bernhard Schlink (c) Diogenes

Hannah ist reizbar und rätselhaft. Außerdem ist sie viel älter und doch wird sie zu seiner Geliebten. Und sie behütet verzweifelt ein Geheimnis. Nach einigen Monaten verschwindet sie spurlos und erst Jahre später, sieht er sie wieder.

„Wie sollte es ein Trost sein, daß mein Leiden an meiner Liebe zu Hannah in gewisser Weise das Schicksal meiner Generation, das deutsche Schicksal war, dem ich mich nur schwerer entziehen, das ich nur schlechter überspielen konnte als die anderen.“ (S. 163)

„Der Vorlesesr“ ist in einem sehr eingehenden aber zunächst für mich gewöhnungsbedürftigen Schreibstil gehalten. Er schreibt aus der Sicht des zu Beginn 15jährigen Michaels, der auf Hannah, eine Schaffnerin trifft. Zunächst mutet das Buch an wie eine lockere Geschichte eines nicht ganz alltäglichen Liebespaares. Doch bald entpuppt sie sich als etwas ganz anders, etwas viel tiefergehendes. Als eine Geschichte einer sonderbaren Liebe, einer Vergangenheit voller Schuld. Eine fast schon wie ein Krimi wirkende, philosophische Geschichte.

Bernhard Schlink behandelt unter anderem die Geschichte der Kinder derer, die zu Nazi-Zeiten gelebt haben, die damals im Krieg schreckliches getan haben und danach einfach ihr Leben weiterlebten. Die es freiwillig taten, die dazu gezwungen wurden, die nichts anders tun konnten, die einfach nichts dagegen getan hatten. Wie sollen die Kinder mit ihren Eltern umgehen? Ist es richtig, Menschen zu lieben, sie nicht zu verurteilen, wenn sie doch verurteilt gehören? Ist es richtig sie zu verurteilen, wenn man selber nicht weiß, wie es gewesen ist. Wenn man es selber nicht weiß, ob man sein Leben über das anderer gestellt hätte oder ob man sich gegen das Regime aufgelehnt hätte? Sollen sich die Kinder und Partner noch heute für sie schämen, sie verurteilen, sie nicht lieben, als eine Art Kollektivschuld?

„Ich wollte Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen. Aber es war dafür zu furchtbar. Wenn ich versuchte, es zu verstehen, hatte ich das Gefühl, es nicht mehr so zu verurteilen, wie es verurteilt gehörte. Wenn ich es so verurteilte, wie es verurteilt gehörte, blieb kein Raum fürs Verstehen.“ (S. 151)

Aber der Vorleser behandelt noch ein ganz anders, für nicht Betroffene so viel unbedeutenderes Thema. Das Geheimnis, dass Hannah seit jeher mit sich herumträgt, dass sie um jeden Preis verheimlichen will. Ein Geheimnis, dessen Verschleierung so viel schlimmer ist, als das eigentliche Problem. Eine Sache, die man jederzeit offenbaren könnte, für die man Hilfe erhalten könnte. Man könnte jederzeit aufhören, diese Lüge zu leben. Doch der Preis, das ewig anhaltende Schamgefühl, ist Hannah zu hoch. Höher noch, als für Gräueltaten zu NS Zeiten alleine gerade zustehen, die sie zwar unterstützt, aber nie alleine ausgeführt hatte. Ist es das wirklich wert, nur um sich nicht Tag für Tag für eine für Außenstehende harmlose Schwäche zu rechtfertigen, sich in solche Verschleierungen zu verhüllen, sein Leben in Freiheit zu riskieren, nur um nicht entblößt zu werden und so nur noch viel schlimmer dazustehen? Eine Tat zu gestehen, die man nie begangen hat, um ein Geheimnis zu hüten. Und ist es richtig, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen und zu schweigen?

„Was für eine traurige Geschichte, dachte ich lange. Nicht daß ich jetzt dächte, sie sei glücklich. Aber ich denke, daß sie stimmt und daß daneben die Frage, ob sie traurig oder glücklich ist, keinerlei Bedeutung hat.“ (S. 206)

Eingebettet in eine Liebesbeziehung, die kein Aussenstehender je verstehen kann und die eher wie ein Machtspiel denn eine Liebesbeziehung anmutet, versucht Bernhard Schlink diese Fragen, auf dass es meiner Meinung nach doch nie eine richtige Antwort geben kann, zu lösen und zu diskutieren. Der Vorleser ist ein aufrüttelndes Werk, das zum Nachdenken anregt und ein berührendes Stück deutscher Geschichte.

Infos zum Buch:

Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr Erstausgabe: 1995
Erscheinungsjahr meine Ausgabe: 1997
Seiten: 207

 

Der Autor:

Bernhard Schlink wurde 1944 in Großdornberg geboren. Er ist deutscher Jurist und Schriftsteller. Er verbrachte seine Kindheit in Heidelberg. Er hat einen Sohn und lebt heute in New York und Berlin. Mit seinen Romanen hat er ein entscheidendes Stück der deutschen Literaturgeschichte mitgeschrieben.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Das Mädchen mit den blauen Augen - Michel Bussi

19. Januar 2016

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Buchcover (c) Aufbau Verlag

Autor: Michel Bussi
Erscheinungsjahr: 2015 (3. Auflage)
Verlag: Aufbau Verlag
Seiten: 412
Format: Taschenbuch
Preis: [D] 9,99 €, [A] 10,30 €
Originaltitel: Un Avion sans elle
Originalverlag: Éditions Presse de la Cité

Wer ist diese kleine Mädchen, dass als einzige die Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen überlebt hat? Nach achtzehn Jahren bringt ein Privatdetektiv die Wahrheit ans Licht und bezahlt dafür mit seinem Leben. Das Buch nimmt uns mit auf eine Identitätssuche voller Wirrungen.

Meinung

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Wie bereits im Buch „Die Frau mit dem roten Schal“ schreibt Bussi sehr einnehmend, geheimnisvoll und dennoch locker. Trotz der vielen französischen Namen und Orte, mit denen Mancher seine Schwierigkeiten haben könnte, lässt sich die Geschichte rund um das Mädchen mit den blauen Augen einfach lesen. Mit fiesen, kleinen Cliffhangern, vielen Wendungen und falschen Fährten konnte mich Bussi auch in diesem Buch wieder durchgehend unterhalten.

„Einen Mord…Ein unerlässliches Verbrechen. Es galt, ein Monster zu töten, um weiterleben zu können oder wenigstens zu überleben.“ (S. 81)

Wir steigen ein mit dem tragischen Flugzeugabsturz im Jahr 1980 im französischen Jura. Alleine ein kleines, drei Monate altes Baby, mit tiefblauen Augen, überlebt. Doch das Schicksal spielt einen fiesen Streich. Denn auf der Passagierliste stehen zwei Babys, ungefähr gleich alt. Welches der beiden hat nun überlebt? Emilie Vitral oder doch Lyse-Rose Carville? Die Großeltern beider Mädchen sind sich sicher, die Überlebende ist ihre Enkelin. Ein aufwühlender Streit um die Identität und das Sorgerecht der Kleinen beginnt. Der Richter muss eine Entscheidung fällen, die doch nie wirklich sicher sein kein, die rein spekulativ ist und auf Vermutungen basiert. Denn damals gab es noch nicht die Möglichkeit, einen DNA-Test durchzuführen.

Trotz vieler Zweifel fällt die Entscheidung schließlich - Emilie Vitral soll überlebt haben. Stimmt das wirklich und was ist der Schlüssel zur Wahrheit? Diesen entdeckt Grand Duc erst achtzehn Jahre später. Er ist Privatdetektiv und wurde von den Carvilles beauftragt. Kurz danach wird er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Zuvor hat er Emilie aber seine Aufzeichnungen zukommen lassen. Aufzeichnungen, die ihr Leben von Grund auf verändern. (keine Angst, das steht so in der Inhaltsangabe im Buch, ich spoiler euch hier nicht)

Die Geschichte wird dabei überwiegen von Marc Vitral erzählt und besteht zu vielen Teilen aus den Aufzeichnungen des Privatdetektivs Grand Duc, die er an diesem 2. Oktober 1998 liest. Ergänzt wird die Erzählung von kurzen Blicken zu Emilie/Lylie/Lyse-Rose, wer auch immer sie nun sein mag und zu den anderen Familienangehörigen beider Seiten. Das machte „Das Mädchen mit den blauen Augen“ sehr vielseitig ohne es zu überfrachten.

Obgleich das Buch mit einer Fülle an Charakteren aufwartet, lernen wir doch keinen so wirklich kennen. Wir begleiten Marc durch diesen Tag, der aber doch meist durch das Lesen der Aufzeichnungen bestimmt ist. Diese sind wiederum von Grand Duc geschrieben. Lylie selbst, wie sie oft genannt wird im Zuge der Verhandlungen, lernen wir überhaupt nicht richtig kennen, obwohl sich die Geschichte doch um sie drängt. Sie bleibt eine Schattenfigur, um die sich ein riesiges Geheimnis dreht. Das passte aber hervorragend und auch die Tatsache, dass ich das Gefühl hatte nur ein stiller Mitleser zu sein, störte mich nicht im geringsten.

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Buchcover (c) Aufbau Verlag

Trotz das wir bereits durch die Inhaltsangabe wissen, für wenn sich die Richter entschieden haben, ist die Geschichte durchweg spannend. Der Roman liest sich fast schon wie ein Kriminalroman, bei dem man die Wahrheit immer mit schätz, eine Wahrheit, die Bussi dann aber auf der nächsten Seite schon wieder verwirft. Das macht das Buch zu einem PageTurner, denn erst am Ende führt er uns nicht wieder an der Nase herum und entlässt uns zufrieden in die Realität - den ein bisschen gewinnen muss man als Leser ja auch. Das Ende führt uns dann entspannt aus einer Geschichte voller Verzweigungen, die sich doch nie verliert und in der selbst kleinste Details wie ein Puzzleteil ins andere passen. Lediglich einige wenige Szenen waren für mich etwas überzogen und unglaubwürdig.

„Sie ließ das Haus über den Klippen schweben, so mussten es diejenigen empfinden, die in ihre Nähe durften.“ (S. 288)

Fazit

Michel Bussi konnte mich auch mit „Das Mädchen mit den blauen Augen“ überzeugen. Ein Roman, der eher wie ein Kriminalroman anmutet, mit vielen Wirrungen und falschen Fährten ohne mich als Leser dabei zu überfordern. Der Schreibstil war einnehmend und stimmungsvoll. Lediglich ein paar Szenen waren nicht ganz glaubwürdig, weshalb ich einen Punkt abziehe.

4herzen

Weitere Rezensionen:

Keeweekatbooks

Read Pack

Autor:

Michel Bussi wurde 1965 geboren. Er ist Politologe und Geograph und lehrt an der Universität in Rouen. Seine Romane haben sich international als Bestseller durchgesetzt und wurden in zwanzig Sprachen übertragen. Er wurde vielfach ausgezeichnet und gehört zu den Top-5 meistverkauften Autoren in Frankreich.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Die Raben von Tomas Bannerhed

6. Januar 2016

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(c) BTB

Autor: Tomas Bannerhed
Erscheinungsjahr: 2015
Verlag: BTB
Seiten: 444
Format: Hardcover
Preis: [D] 21,99 €, [A] 22,70 €, [C] 29,90 €
Originaltitel: Korparna

Wir befinden uns in Småland, in den 70er Jahren auf einem kleinen Bauernhof. Hier lebt Klas. Vögel sind seine Leidenschaft, er ist ein Vogelbeobachter. Der Flug der Vögel verheißt für ihn Freiheit. Er hält tage- und nächtelang nach ihnen Ausschau und lauscht ihren Rufen. Er liebt die Vögel, denn so kann er kurze Zeit der schweren Feldarbeit und seinen zunehmend irrer werdenden Vater entfliehen. Er soll später einmal den Hof übernehmen, aber seine Träume sehen anders aus. Immer wieder sucht er die Einsamkeit der Wälder und begeistert sich besonders für Raben. Spricht das für seinen eigenen Wahnsinn?

Meinung

Tomas Bannerhed schreibt unglaublich poetisch. Seinen Schreibstil kann man mit keinem anderen vergleichen. Er schaffte eine sehr düstere, distanzierte Atmosphäre und verbindet dies gleichzeitig mit detailreichen, malerischen Beschreibungen der Natur und starken Sprachbildern. Die Raben ist alles andere als das typische Astrid-Lindgren Schweden. In dieser Geschichte erleben wir kein sorgenfreies, leichtes, glückliches Leben umringt von beeindruckenden Naturlandschaften. Hier erleben wir das harte Arbeiterleben, die täglichen Probleme und ein Familiendrama. Selbst die Natur wirkt hier düsterer, dennoch nicht weniger beeindruckend.

Die Geschichte von Klas lässt sich nicht einfach nebenbei lesen. So poetisch der Schreibstil auch ist, so anstrengend ist er auch. Ich musste stets konzentriert bleiben, konnte nicht einmal irgendeinen Laut um mich ertragen, sonst kam ich sofort raus. Stellenweise musste ich Absätze mehrfach lesen, um zu verstehen, was Bannerhed sagen will, was er übermitteln will. Das machte das Buch zu einer sehr langwierigen Lektüre, in die man zunächst einmal hineinfinden musste.

„All die Sterne draußen hinter dem Rollo, die Silhouetten der kalten, hängenden Birkenäste auf dem Fenster, die Kälte, die in den Wänden krachte.
Dass es so still sein kann.“ (S. 372)

Die Geschichte wird uns aus Sicht von Klas, einem 12jährigen Sohn einer einfachen Bauernfamilie in Schweden, berichtet. Bannerhed umschreibt dabei sehr detailliert sowohl Klas Empfindungen und Gedanken, als auch die Geschehnisse um ihn herum. Allerdings muten diese stets eher wie die eines Erwachsenen, alten Mannes an, nicht wie die eines 12jährigen. Zudem macht er keinerlei Abgrenzungen, wirft alles wild durcheinander. Wir erleben mit, wie Klas Vater zunehmen dem Wahnsinn verfällt, gebeutelt durch die harte Arbeit, von der doch nichts bei rum kommt. Wie er schwankt zwischen sanftmütigen Vater und einem Irren, der nachts den Schrott sortiert und wahnsinnige Züge an den Tag legt.

Mit jedem Tag wird die Situation daheim Schlimmer. Bis Klas schließlich selbst anfängt, mit einem Es zu reden, einer Stimme, die niemanden gehört. Geplagt von Alpträumen zeigt er zunehmend selber leicht irre Züge, die auch sein Vater schon an den Tag legt. Neben all des harten Tobaks den Bannerhed hier beschreibt, bringt er dennoch Hoffnungsschimmer und Fröhlichkeit herein, etwa als Klas Veronika kennen lernt. Doch alle schönen Stunden, das unbeschwerte Familiendasein, das die verzweifelte Mutter immer wieder versucht aufrecht zu erhalten, werden stets vom zunehmenden Irrsinn des Vaters überschattet.

„‚Worauf wartest du?‘, flüsterte es. ‚Wenn du hier wegwillst, dann leg los. Du musst dich selbst an den Haaren herausziehen, kein anderer wird es für dich tun‘“ (S. 103)

Fazit

Die Raben ist kein Buch für zwischendurch. Bannerhed schreibst sehr poetisch und detailreich und ebenso anspruchsvoll. Die Geschichte ist kein Buch zur reinen Unterhaltung sondern ein anspruchsvolles Stück Literatur. Es ist melancholisch und düster, rein und klar mit beeindruckend Charakterzeichnungen. Ein Buch, das sich für mich lange hinzog, da ich vieles mehrmals lesen musste. Das es mir schwermachte, mich hineinzuversetzen, aber das mich dennoch berührte und beeindruckte.

Für wen? Für alle, die etwas anspruchsvolle, schwedische Literatur suchen. Mit detailreichen Naturlandschaften und starken Charakterzeichnungen.

Cover und Gestaltung (c) BTB

Weitere Rezensionen:

Lesekabinett Leipzig

Buchbube

A Bookdemon

Buchstabenträumerei

Autor:

Tomas Bannerhed wuchs in Ursa auf, ein Dorf in Småland in Südschweden. Er lebt in Stockholm. Für „Die Raben“ wurde er mit dem Carl-von-Linné-Preis ausgezeichnet ebenso mit dem renommierten August-Preis.

Rezensionen/Reviews

[Besprechung] Der Fremde - Albert Camus

26. Dezember 2015

(c) Rororo

Autor: Albert Camus
Erscheinungsjahr: 1942 (meine Ausgabe 2014)
Verlag: RoRoRo
Seiten: 143
Format: Taschenbuch
Preis: Taschenbuch 7,99 €, Paperback 10,00 €, E-Book 7,99 €
Originaltitel: L’Etranger
Originalverlag: Gallimard

„Der Fremde“ ist der Debütroman von Albert Camus, der im Jahr 1943 erschien, als Camus gerade 29 Jahre alt war.

Es ist die Geschichte eines jungen Franzosen, der in Algier lebt und den ein lächerlicher Zufall zum Mörder macht. Der Roman war der schriftstellerische Durchbruch von Albert Camus und das obwohl er sehr schlicht, fasst schon kindlich schreibt, ohne komplexe Strukturen, ohne komplexe Geschichten einfach nur. Oder vielleicht auch gerade deshalb.

„Als der Wärter mir eines tages gesagt hat, ich wäre seit fünf Monaten da, habe ich es geglabut, aber ich habe es nicht begriffen. Für mich war es unaufhörlich der selbe Tag, der sich in meiner Zelle breitmachte, und dieselbe Aufgabe, der ich nachging.“ (S. 105)

Meursault lebt ein unauffälliges, fast schon langweiliges, bedeutungsloses Leben. Er pflegt kaum soziale Kontakte, ist ausdruckslos und emotionslos. Die Geschichte wird uns durch ihn erzählt. Dabei gliedert sich die Geschichte in zwei Teile, wobei der erste nur wenige Tage, der zweite jedoch mehrere Monate umfasst.

Der Fremde von Albert Camus (c) RoRoRo

Meursault beginnt mit seiner Erzählung, als seine Mutter stirbt und er zu ihrer Beerdigung fährt. Er hält Totenwache und wohnt der Beerdigung bei ohne auch nur eine Träne zu vergießen. Gefühle und Emotionen scheint er nicht zu haben, er ist schlicht gestrickt, stört sich an physischen Begebenheiten wie etwa zu großer Hitze mehr, als an der Tatsache, dass er gerade seine Mutter beerdigt.

Am nächsten Tag lernt er Marie kennen, die seine Freundin wird und ihn heiraten möchte. Doch auch dies ist Meursault vollkommen gleichgültig. Marie ist da, ab und an verspürt er etwas wie Glück mit ihr, aber ihm ist egal ob sie nun seine Freundin ist oder nicht. Marie liebt ihn gerade deshalb, weil er nicht wie andere ist, weil er seine Eigenheiten hat. Sein Nachbar Raymond ist das genaue Gegenteil von Meursault, er ist emotional, aktiv und eher gewalttätig, währen Albert gleichgültig und passiv ist. Raymond ist quasi der Auslöser der Handlung, indem er Meursault in den Konflikt mit einem jungen Araber hineinzieht.

Die Geschichte ist kühl, einfach, schlicht. Sie besticht durch viele kurze Sätze mit vielen Hilfsverben - zumindest in der Übersetzung Das machte es mir den kompletten ersten Teil sehr schwer, mich für das Buch zu begeistern. Doch gerade im zweiten Teil ist es genau das, was den Kern der Geschichte so unfassbar gut transportiert.

Meursault selbst spricht nicht viel, er schweigt, wenn er nichts zu sagen hat. Weder drückt er Emotionen aus, noch transportiert er sie in das Gesagte und das Getane anderer. Er hat eine emotionale Distanz zu allem und jedem um ihn herum. Er ist nicht moralisch oder gewissenlos, wie die Anwälte in der späteren Gerichtsverhandlung es hinstellen. Er ist losgelöst von moralischen Werten, er macht scheinbar keinen Unterschied zwischen Gut und Böse. Nicht nur sein Leben und seine Handlungen sind im Gleichgültig, auch jedes andere Leben ist im Gleichgültig, weil ja doch jeder einmal sterben wird, es macht für ihn keinen großen Unterschied ob heute oder in 30 Jahren.

Der zweite Teil des Buches hat mich vollkommen überzeugt. Eine Geschichte die symbolisiert, wie sinnlos dieser Versuch eigentlich ist, rationale Erklärungen für alles Irrationale zu finden. Ein Roman voller philosophischer Aspekte der soviel aussagt und unter die Haut geht, trotz seiner wenigen Seiten und der Tatsache, dass mich der erste Teil kaum begeisterte. Es zeigt uns einen Menschen ohne Gewissen, ohne Absichten ohne Ehrgeiz - einen Menschen, der einen in der Form erschreckt. Dem die Tatsache, das er das Gleichgewicht des Tages störte mehr beunruhigte, als der Tod eines Menschen.

Ein Buch über das Brechen von Werten und Grundsätzen und über das Nicht-Einhalten von gesellschaftlichen Konventionen. Über einen Menschen, der dennoch erkennt, kurz vor dem Ende, dass er glücklich gewesen ist. Ein Buch voller provozierender Gleichgültigkeit und dem Versuch der Gesellschaft, damit umzugehen.

„Worauf es ankam, war eine Fluchtmöglichkeit, ein Sprung aus dem unerbitterlichen Ritus heraus, ein wahnsinniger Lauf, der jede mögliche Hoffnung zuließ.“ (S. 142)

Der Fremde von Albert Camus (c) RoRoRo

Autor:

Albert Camus war französischer Schriftsteller und Philosoph. 1957 erhielt er für sein publizistisches Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur. Er gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Letzte Nacht von Catherine McKenzie

13. Dezember 2015

inhalt3

(c) Heyne

Verlag: Heyne
Erscheinungsjahr: 2014
Seiten: 413
Autorin: Catherine McKenzie
Format: Taschenbuch
Preis: [D] 12,99 € und [A] 13,40 €
Verlagsseite mit Leseprobe
Originaltitel: Hidden
Originalverlag: Random House

„Natürlich, jeder Mensch kennt Reue. Lose Enden. Dinge, die wir tun würden, wenn wir mehr Zeit hätten.“ (Rückseite des Buches)

Jeff ist 39 Jahre und ein guter Familienvater. Er ist stolz auf seine langjährige Ehe. Bis er eines abends bei einem Unfall ums Leben kommt. Tish ist seine Kollegin. Für sie bricht eine Welt zusammen, als sie von seinem Tod erfährt. Denn erst kurz zuvor gaben sich die beiden ein Versprechen, das niemand außer ihnen kennt. Claire ist Jeffs Frau. Sie liebte ihn durch zahlreiche Höhen und Tiefen. Aber als eine unbekannte Frau auf der Beerdigung auftaucht, kommen ihr Zweifel. Hat sie Jeff vielleicht doch nie richtig gekannt? Und was hat ihn mit Tish verbunden?

Letzte Nacht von Catherine McKenzie (c) Heyne

Meinung

McKenzie überzeugt durch einen ruhigen, sanft dahinplätschernden Schreibstil. Sie verzichtet auf große Floskeln und viele Ausschmückungen und schafft es dennoch starke Emotionen zu transportieren.

Mit „Letzte Nacht“ greift sie essentielle Fragen des Lebens auf. Wem soll man folgen, Kopf oder Herz? Ist es wichtiger, sich selbst treu zu sein oder seine Familie zu schützen? Soll man sich lieber selbst enttäuschen oder Frau und Kind? Mit all diesen Fragen sehen sich Jeff, Tish und Claire, die drei Protagonisten, konfrontiert.

Jeff, Tish und Claire sind drei Protagonisten, die mich berührten und die ich leicht in mein Herz schließen konnte. Was auch daran lag, dass alle drei ihre eigenen Kapitel bekommen. Mckenzie lässt die Geschichte durch alle drei erzählen. So bekommt jeder der Charaktere viel Raum sich zu entfalten, gibt uns Einblicke in sein Innerstes. Einblicke zu Gefühlen, Ängsten, Zweifeln.

Jeff ist ein liebevoller Vater und Ehemann. In jedem seiner Abschnitte spürte ich als Leser, wie sehr er seinen Sohn Seth liebt und seine Frau Claire. Wir erfahren viel über seine Beziehung zu den beiden und über die Vergangenheit von Claire und Jeff. Diese wird auch immer wieder durch Claire beleuchtet. Dadurch ermöglicht Mckenzie es mir als Leser, diese Vielschichtigkeit einer Beziehung zu erleben. Es gibt so viele Dinge, die man nicht über den anderen wissen kann und vielleicht auch nicht wissen muss oder sollte. Es zeigt, wie wichtig es ist, miteinander zu reden und wie wichtig Vertrauen ist.

Auch von der Verbundenheit zwischen Jeff und Tish bekam ich viel zu spüren, ohne zu wissen, ob und was den nun zwischen den beiden gelaufen ist oder nicht. Wir erleben auch Tish mit ihrem Mann Brian und ihrer Tochter Joey und erhalten die selben, umfassenden und berührenden Einblicke wie auch bei Claire und Jeff.

Dabei wartet die Geschichte kaum mit Spannungsmomenten auf und die Handlung plätschert auch meist eher vor sich hin. In Rückblicken erfahren wir, wie die Jeff und Claire, Tish und Brian und Brain und Tish zueinander fanden, wie sie leben und lieben und über gute und schlechte Entscheidungen. So stört die fehlende Spannung kaum, denn dieser ruhige Verlauft transportierte die Empfindungen der Protagonisten auf eindringende Art und Weise.

Letzte Nacht von Catherine McKenzie (c) Heyne

Fazit

„Letzte Nacht“ ist keine rasante Geschichte. Nichts mit überraschenden Wendungen oder viel Spannung. Aber das Buch ist eine Geschichte rund um tiefgehende Fragen im Leben. Der Alltag und das unspektakuläre Leben zweier Familien. Mit all ihren Problemen, Wünschen, Entscheidungen und der Frage, was wirklich zählt in einer Beziehung. Trotz ein paar Längen konnte mich McKenzie emotional mitnehmen und erschuf eine tiefe Verbundenheit zu den drei Protagonisten.

4herzen

Autorin:

Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebt Catherine Mckenzie im kanadischen Montreal. Nachdem sie Geschichte und Jura studierte arbeitet sie heute als Anwältin. Nebenbei ist sie Bloggerin für „The Huffington Post“

Rezensionen/Reviews

[Rezension] Stoner von John Williams

31. Oktober 2015

inhalt3

(c) dtv

Verlag: dtv; Erscheinungsjahr: 2014; Ersterscheinungsjahr: 1965; Seiten: 349; Autorin: John Williams, Format: Taschenbuch;

Das Buch handelt von einem Mann, der als Sohn armer Farmer geboren wurde, bis er schließlich seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Er wechselt das Studienfach und wird später Professor. Die Geschichte eines genügsamen aber auch wahrhaftigen Lebens. Der Roman behandelt viele Themen - es geht um Freundschaft, Ehe, den Campus und über harte, erbarmungslose Arbeit auf Farmen. Aber es geht auch um Liebe in all ihren Facetten. Ein Roman über das Menschsein.

Meinung

„[…] Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigt […], diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.“ (S. 144)

John Williams hat einen eher kühlen, schnörkeligen aber doch sehr eingehenden und anmutigen Schreibstil. Ohne große Ausschmückungen und Höhepunkte erzählt er uns die Geschichte von John Stoner. Er wird als Sohn armer Farmleute geboren und lebt ihn einer sehr kühlen Familie, in der es kaum Emotionen geschweige den ein Familienleben gibt. Und genauso schreibst Williams. Diese ständige unterkühlte Stimmung, dieses harte Leben vollkommen ohne Ehrgeiz von Stoner transportiert er dadurch sehr glaubhaft.

Zunächst studiert Stoner im Landwirtschaftskurs. Jeder Student muss allerdings einen Einführungskurs in Literatur mitmachen. Und plötzlich entdeckt Stoner seine Liebe zur Literatur und schafft es schließlich bis zum Assitenzprofessor. Aber auch keinen Schritt darüber hinaus. Sein Leben lang arbeitet er Tag ein Tag aus ohne auch nur den geringsten Anspruch an seine Arbeit und seine Zukunft zu haben. Er ist gefangen in seiner eigenen Lustlosigkeit und einer ziemlich verkorksten Ehe. Sein Leben meistert er nur durch einen unerschütterlichen Gleichmut und seine Leidensfähigkeit gegen die Zumutungen die das Leben ihm aufbürdet. Aber nicht nur das hilft ihm, sondern vor allem seine Liebe zu Büchern und zu seiner Arbeit. Dort findet er tagein, tagaus Trost.

Ihr seht also, Stoner führt ein sehr unspektakuläres, langweiliges Leben und Williams schafft es, diese Atmosphäre so gut zu transportieren, das ich selber schon ganz bedrückt und irgendwie deprimiert wurde. Was ich fast schon wieder gut finde, denn so konnte ich mich sehr gut in das Leben von Stoner hineinversetzten. Trotz fehlender Höhepunkte und dieser dauerhaften kühlen Atmosphäre ist das Buch dennoch berührend und ich konnte es kaum aus der Hand legen.

“Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt, noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.” (S. 7/8)

Es ist eine Geschichte über einen Menschen, der gebrochen ist und in einer kalten Ehe voller Hass gefangen ist ohne zu wissen, wie das geschehen konnte. Eine Geschichte über ein Leben voller Niederschläge, über einen jahrzentelangen, persönlichen Kampf. Ein Roman über einen Menschen, der lebte ohne zu leben, ein Roman über ein gescheitertes Leben.

Fazit
Stoner ist eine sehr eigenwillige Geschichte. Es gibt keine Höhepunkte, das ganze Buch transportiert eine sehr kühle und melancholische Stimmung. Und dennoch konnte mich Williams damit berühren und schafft es, Stoners Liebe zur Literatur auf eine einzigartige Weise zu transportieren. Das Buch hat mich nicht unterhalten aber berührt und zum Nachdenken gebracht und ist deswegen auf seine Art eine gelungene Geschichte.

4herzen

Autor:

John Williams wurde 1922 geboren und starb 1994. Er wuchs im Nordosten von Texas auf, besuchte dort das College und wurde Journalist. Im Jahr 1942 meldete er sich zu den United States Army Air Forces und war in Burma eingesetzt. Dort schrieb er an seinem ersten Roman. Anschließend ging er nach Denver wo er 1950 seinen Masterabschluss in Englischer Literatur machte. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung Creative Writing und Englische Literatur an der Universität Missouri. Neben „Stoner“ verfasste er vier weitere Romane, wobei der letzte unvollendet blieb. Das Buch wurde bereits 1965 veröffentlich, doch erst mit einer Neuauflage im Jahr 2006 erlangte es Berühmtheit.

Weitere Rezensionen:

Buzzaldrins

Literaturen

Librovision

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