Reante Hoffmann von Anne Freytag

Renate Hoffmann hat einen Entschluss gefasst. Sie will sich von ihrem Balkon aus in den Tod stürzen. Sie hat genug Gründe dafür. Doch irgendwie kommt immer wieder etwas dazwischen. Eine neue Vorgesetzte zum Beispiel. Oder Herberts Briefe. Oder auch die Erkenntnis, dass sie noch nie masturbiert hat oder am Meer war.

„Denn auch wenn man es nicht sehen konnte, weil sie atmete und sich bewegte, so war Renate an diesem eisigen Novembertag gestorben. Sie würde leben, jedoch ohne lebendig zu sein.“ (S. 266)

Aber sie hatte nicht immer sterben wollen. Vor einigen Jahren, da war sie ganz anders. Sie war nicht nur am Leben, sie hatte tatsächlich gelebt. Sieben Jahre früher war das Leben noch voller Möglichkeiten. Bis zu diesem einem Tag im November…
Anne Freytag erzählt uns Renate Hoffmanns Geschichte mit einem sehr distanzierten, schnörkellosen Schreibstil. Und trotzdem ging mir die Geschichte unter die Haut. Dieser Stil hat perfekt zu Frau Hoffmann, die sie am Anfang der Geschichte ist, gepasst.

„Normalerweise zögerte Renate Hoffmann nie. Frau Hoffmann gehörte zu jenen Menschen, die immer alles bis ins kleinste Detail durchdachten und anschließend dem zuvor festgelegten Plan akribisch folgten“ (S. 3)

Frau Hoffmann ist eine unscheinbare, steife Person. Sie hat eine schmucklose Wohnung in einem tristen Plattenbau. Sie hat keine Freunde, redet mit niemanden und geht ihrer Arbeit als Buchhalterin pflichtbewusst nach. Sie hat zahlreiche Zwangsneurosen, sieht immer nur ihre gleiche Serie auf Video, putzt sich immer zur gleichen Zeit und exakt getimed die Zähne. Und sie ist einsam und wird ständig von einem Albtraum heimgesucht. Bis sie schließlich den Entschluss fasst, sich von ihrem Balkon im 11ten Stock zu stürzen.

Doch dann fällt ihr ein, dass sie noch nie geraucht hat, noch nie am Meer war. Und ständig kommt irgendetwas dazwischen. Bis sie schließlich merkt, dass sie ja doch ein bisschen am Leben hängt. Bis sie anfängt, die Geschehnisse, die sie dazu gebracht haben, sich überhaupt das Leben nehmen zu wollen, zu verarbeiten.

„Es tat weh, ihn gehen zu sehen, es tat weh, dass er am Horizont immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Und doch wusste Renate, dass es an der Zeit gewesen war, ihn endlich gehen zu lassen.“ (S. 220)

Und während sie diese Dinge verarbeitet, erfahren wir in Rückblicken viel über ihr damaliges Leben, als sie noch bunt, statt grau war, Renate statt Frau Hoffmann. Über die Steine  die ihr in den Weg gelegt wurden. Darüber, was damals, an diesem grauen Novembertag passierte. Und wir erfahren, warum Frau Hoffmann zu der wurde, die sie zu beginn der Geschichte war. Dabei erahnen wir recht bald, was passieren wird und wissen irgendwann ganz genau, worauf die Geschichte zu steuert. Und je näher der Zeitpunkt kam, desto mehr hoffte ich, es möge nie passieren. Was ja schwachsinnig ist, weil ich ja schon wusste, das es passiert und es kein zurück gibt.

Während sie ihre Geschichte verarbeitet, wird sie mit jeder Seite wieder mehr zu der Frau, die sie einmal gewesen ist. Sie merkt, wie kostbar das Leben ist und dass es trotz allen Widrigkeiten und Schicksalsschlägen doch noch lebenswert sein kann. Und sie merkt ganz besonders, dass sie liebenswert ist und ganz und gar nicht so schrecklich, wie sie sich selbst immer wahrnimmt.

„Frau Hoffmann betrachtete sich im Spiegel. […] Diese fremde, harte Frau war Frau Hoffmann unheimlich und gleichzeitig war sie ihr vertraut. Und in diesem Moment dämmerte ihr, dass diese fremde, harte Frau die letzten Jahre ihr Überleben gesichert hatte. Sie hatte dafür gesorgt, dass Frau Hoffmann nicht auseinandergefallen war.“ (S. 151/152)

Anne schafft es einfach hervorragend, Geschichten und Protagonisten zu erschaffen, die direkt aus dem Leben gegriffen sind. Ich habe mich jeder Zeit als Teil der Geschichte gefühlt, war gemeinsam mit Renate auf ihrem Balkon gesessen, habe mit ihre die schlimmen, aber auch guten Zeiten erlebt. Ich habe gelacht und geweint. Ein Buch das einfach von vorne bis hinten stimmt und sich fast schon wie ein Film in meinem Kopf abspielte.

Eine Geschichte einer doch noch recht jungen Frau, die jeglichen Lebensmut verloren hat. Und die es dennoch schafft, sich wieder ans Licht zu kämpfen. Ein Buch darüber, wie wichtig es ist, sich aus einem Loch, mag es noch sie tief sein, wieder heraus zu kämpfen. Und das Leben jeden Tag voll auszukosten.

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Infos zum Buch:

Infos zum Buch
Autorin: Anne Freytag Erscheinungsjahr: 2013 Verlag: Freytag Literatur Seiten: 308 Format: Taschenbuch

Autorin:

Anne Freytag wurde 1982 in München geboren und studierte International Management. Sie arbeitete in einer Werbeagentur, bevor sie es wagte, ins kalte Wasser zu springen und sich voll und ganz dem Schreiben zu widmen. Wenn sie nicht schreibt, dann hat sie ihren Spaß mit Adriana Popescu im Facebook-Chat, macht Fahrradtouren durch München mit ihrem Freund, liebt es, um Mitternacht Dinkel-Poppys zu essen und im Internet nach alten Möbeln zu suchen.