Die Bücherdiebin von Markus Zusak (c) Blanvalet

Liesel ist neun Jahre alt, im Winter 1939, als ihre Mutter sie und ihren Bruder nicht mehr ernähren kann. Deshalb machen sie sich im Zug auf den Weg nach Molching in der Nähe von München. Um ein neues zu Hause bei einer Pflegefamilie zu bekommen. Auf dieser Zugfahrt verliert sie den ersten Menschen, ihren Bruder. In einem namenlosen Dorf findet eine kurze, kalte Beerdigung statt. Und dort passierte es. Sie stiehlt ihr erstes Buch. Dann stiehlt sie weiter – Äpfel, Kartoffeln, aber vor allem Bücher und die Herzen von Rudi, Hans, Rosa – und das vom Tod.

Schreibstil

„Etwa zehn Meter zu meiner Linken stand das bleiche Mädchen, durchgefroren bis auf die Knochen und mit leerem Magen. Ihr Mund zitterte. Sie hatte die kalten Arme überkreuzt. Gefrorene Tränen hingen auf dem Gesicht der Bücherdiebin.“ (S. 15)

Der Schreibstil selbst hat mich vom ersten Wort an gefangen, verzaubert und berührt. Markus Zusak schafft einzigartige Metaphern, die unter die Haut gehen, auch wenn sie nicht immer Sinn ergeben. Das Buch ist anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Zwar auch erst gewöhnungsbedürftig und manchen liegt es vielleicht nicht, doch ich habe es geliebt. Die Geschichte wird vom Tod selbst erzählt, der alles in Farben sieht und sogar ein Herz hat. Vor jedem Kapitel werden kurz die Protagonisten vorgestellt, wobei es nicht immer Menschen sein müssen und es ergibt nicht immer einen Sinn. Es machte aber neugierig, passte wunderbar in die Geschichte und wurde in diesen Teilen dann immer aufgeklärt.

Zwischenrein gibt es fettgedruckte Einschübe mit Erklärungen, Hintergrundinformationen und Gedanken des Todes die alle besonders sind und der Geschichte etwas magisches einhauchten. Ab und an gibt er schon einen Ausblick auf spätere Geschehnisse, die aber nie zu konkret wurden und mich nur noch neugieriger und ungeduldiger machten.

„Ich habe Millionen Finsternisse gesehen. Ich habe sie schon so oft gesehen, dass ich mich nicht mehr an sie erinnern will.“ (S. 18)

Charaktere

Das Buch strotzt nur so voll wunderbarer Charaktere. Allen voran der Tod, der die Geschichte von Liesel erzählt und auch immer wieder selber zum Handeln kommt und sich mit seinen Gedanken einbringt. Markus Zusak schafft es, den Tod als einen sympathischen und herzensguten Protagonisten darzustellen, der selber so viel Leid, wie es damals zu Nazi-Zeiten herrschte, nicht erträgt.

Liesel Meminger ist eine sympathische und empahtische Protagonisten, die berührt. Wir begleiten sie auf dem Weg zum Erwachsen werden, bei ihrer Freundschaft mit Rudi, wie sie in ihre Pflegefamilie hineinwächst, das Lesen lernt und andere mit Worten bezaubert und ihnen mitten im Bombenangriff die Angst nimmt. Ein wirklich gelungener Charakter, unser Saumensch, wie sie liebevoll von Rosa, ihrer Pflegemutter genannt wird.

Rosa wirkt sehr hart und streng, betitelt jeden mit Saumensch oder Saukerl, hat aber ein sehr großes Herz und ist voller Liebe für Liesel und Hans, ihren Mann. Die Beziehung zwischen Liesel und Hans geht mit jeder Seite auf, wie eine Knospe im Frühling und erblüht schließlich in vielen Farben. Es war bewegend dabei zu sein, wie sie zusammen wachsen. Hans, der Akkordeonspieler, der ein perfekter Papa für Liesel war und ihr das Lesen beibrachte und Max half.

„Die Blasebälge atmeten, und der große Mann spielte für Liesel Meminger, ein letztes Mal, während der Himmel langsam vom Feuer genommen wurde.“ (S. 574)

Auch Max ist ein toller Protagonist, der kurz alles aufwirbelt, ein guter Freund für Liesel wird und zwei wichtige Bücher mit einbringt. Und Rudi, ein Schelm, der es faustdick hinter den Ohren hat mit einen großen Herzen, der bald Liesels bester Freund wird.

Geschichte

Der Tod berichtet von Liesels Leben. Ihrem Leben in Kriegsdeutschland zu Hitlers Zeiten, ihre Zeit zwischen Kindheit und erwachsen werden und ihr Leben zwischen Büchern und der Macht der Worte. Wir begleiten sie durch diese spannenden, lustigen und oft auch traurigen Zeiten. Ich möchte nicht zu viel verraten. Nur, dass Markus Zusak es schafft, eine Geschichte zu dieser Zeit zu schreiben, die aber anders ist, als andere. Sie spricht den Holocaust an, aber nur nebenbei und gleichzeitig spürt man trotzdem, welches grausame Schicksal diese armen Menschen durchleben mussten. Er berichtet von den Leuten, die eher abseits vom richtigen Kriegsgeschehen waren, zumindest zunächst und doch bringt er die Brutalität und Grausamkeit solcher Zeiten rüber. Gleichzeitig ist die Geschichte aber auch unterhaltsam und lustig und doch so tief ergreifend. Eine Geschichte, der jeder mal eine Chance geben sollte. Sie mag erst gewöhnungsbedürftig sein, doch  wenn man es schafft, sich fallen zu lassen, dann wird man diese Buch kaum noch aus der Hand legen wollen. Mir brach es jedes mal ein Stück das Herz, es weg zu legen. Ich fand es aber genauso schlimm, weiter zu lesen, weil ich wusste, dass das Buch dann zu Ende geht.

Ein Buch über die Macht der Worte, über einen Saumenschen mit großem Herz, mit tollen Charakteren und einer bewegenden Geschichte. Diesem Buch sollte Jeder mal eine Chance geben. Ein Geschichte, die unterhält, zum Lachen bringt und gleichzeitig ergreifend ist und einem wieder vor Augen hält, mit welche einfachen aber mächtigen Werkzeugen solche himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten entstehen können – den bloßen Worten eines einzelnen Mannes. Eindeutige 5 Herzen für diese magische, bewegende Geschichte.

 

Autor:

Markus Zusal wurde 1975 geboren und lebt in Sydney. Er schreibt Romane, die international für Aufruhr sorgen. Der Joker wurde mehrfach ausgezeichnet. Die Bücherdiebin ist sein erster Roman für Erwachsene, das nur eine kurze Geschichte werden sollte. Doch es wurde eine umfangreiche Geschichte, die erzählt, wie es damals seinen Eltern aus München und Wien erging, mit ihren Erinnerungen an die Bomben und die Flamen und die Erinnerung an Kinder, die man bestrafte, weil sie ein Stück Brot mit Juden teilten, die auf der Straße nach Dachau getrieben wurden.