Nachts von Mercedes Lauenstein (c) Aufbau Verlag
Rezensionsexemplar

Eine junge Frau streift jede Nacht durch die Stadt. Sie ist auf der Suche nach Etwas und weiß eigentlich gar nach was. Sie denkt, dass sie es vielleicht hinter diesen letzten erleuchteten Fenstern finden kann. Sie klingelt und begegnet dabei Menschen im Moment ihrer höchsten Einsamkeit und Menschen, die nachts erst richtig leben, wenn um sie herum alles still und dunkel ist.

„Für einen Moment kippt meine Wahrnehmung der Nacht. Die Nacht ist plötzlich kein Ende mehr, kein toter Punkt, sondern etwas Neues. Nichts Dunkles, sondern etwas Helles.“ (S. 24)

Mercedes Lauenstein schreibt sehr gefühlvoll, voller Metaphern und Wahrheiten, die einem unter die Haut kriechen. Sie schreibt beruflich Reportagen und Essays, was man vom ersten Satz an merkt. Das ganze Buch ist eine Sammlung kleiner Kurzgeschichten, die schon wie eine sehr bewegende, realitätsnahe Reportage anmuten. Es ist, als würden die Mensch in diesem Buch wirklich existieren, als könnte ich wie die namenlose Erzählerin einfach nachts bei ihnen klingeln und Hallo sagen.

Die junge, namenlose Erzählerin nimmt uns nacht für nacht mit zu fremden Menschen. Menschen, die auch sie selbst nicht kennt. Sie erzählt ihnen, sie sei eine Forscherin, die herausfinden will, warum manche Leute nachts wach sind. Jede Nacht, mal um kurz nach eins, mal um kurz vor fünf, sucht sie nach diesem einen, letzten erleuchteten Fenster. Sie klingelt. Einige begegnen ihr mit Skepsis, doch schließlich lässt sie jeder herein. Sie alle fangen an, ihre Geschichte zu erzählen.

„Die Nacht mag ich nicht. Es ist, als würden die Leute nachts aus ihren Häusern verschwinden, in ein Land gehen, zu dem ich keinen Zugang habe, und mich hier den bösen Geistern zum Fraß überlassen.“ (S. 101)

Das Buch ist keine zusammenhängende Geschichte, sondern jeder dieser 25 Personen bekommt seine eigene, in sich abgeschlossene Geschichte, seine eigene Nacht. Das lässt den Leser tief in die Geschichte jedes einzelnen eintauchen. Wir lesen von Menschen, die einsam sind, Menschen, die nicht schlafen können, die von Ängsten oder Kummer geplagt sind oder die die Nacht einfach nur lieben. Von Leuten, die ankommen, die aufbrechen, die einschneidende Erlebnisse hatten und deswegen in diesem Moment nicht schlafen. Jeder einzelne von ihnen ist dabei so wahnsinnig authentisch. Mercedes Lauestein schreibt so real, dass ich mich fühlte, als würde ich selber gerade mit auf dem Bett, dem Balkon, am Fenster, dem Küchentisch sitzen und der Erzählung der jeweiligen Person lauschen.

Nur eine, eine berichtet uns ihre Geschichte bis zum Schluss nicht- die Erzählerin selbst – nur in den letzten Zeilen, in der letzten Nacht, kommt heraus, warum sie das ganze wirklich macht und das konnte mich trotz leiser Ahnungen sehr überraschen.

Mercedes Lauenstein ist ein wunderbares, gefühlvolles, emotionsgeladenes und dennoch sanftes und ruhiges Debüt gelungen. Ein Debüt, dass dem Leser das Gefühl gibt, ein tiefgründige, emotionale Reportage zu realen Menschen zu lesen. Mit einem wunderbar klaren, sanften Schreibstil, der still vor sich hin plätschert und realitätsnahen Charakteren mit einzigartigen Geschichten.

*Werbung: Das Buch wurde mir vom Aufbau Verlag zur Rezension zur Verfügung gestellt. Die Rezension spiegelt dennoch meine ehrliche und eigene Meinung wieder.

Infos zum Buch:

Autorin: Mercedes Lauenstein

Verlag: Aufbau

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover

Seiten: 190

Weitere Rezensionen:

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Autorin:

Mercedes Lauenstein wurde 1988 in Kappen an der Schlei geboren. Seit 2009 arbeitet sie in der jetzt-Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Als freie Autorin schreibst sie Essays und Reportagen für verschiedene Magazine und Zeitungen. Sie lebt in München.